Denkmal - Collage (Foto: Imago, picture-alliance / Reportdienste, Bild Villa Ungers: Peter Liptau)

Tag des offenen Denkmals 2019 So wird ein Gebäude zum Denkmal

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420 Denkmäler in Rheinland-Pfalz hatten am Tag des offenen Denkmals ihre Pforten geöffnet, 100 davon sind nicht älter als 100 Jahre. Wie wird ein Gebäude zum Denkmal?

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18:00 Uhr
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SWR Fernsehen RP

Ob das Mainzer Rathaus oder die Kauzenburg in Bad Kreuznach - diese Bauwerke sind für viele Menschen im Land einfach nur hässlich, und trotzdem sind sie denkmalgeschützt. Landeskonservatorin Roswitha Kaiser schwärmt dagegen vom Mainzer Rathaus als einem Design-Gesamtkunstwerk - und kann dennoch andere Meinungen nachvollziehen.

Wann ist ein Denkmal ein Denkmal?

"Wenn wir sagen, es ist ein Denkmal!", antwortet die gelernte Architektin Kaiser auf diese Frage. Mit einer Mitteilung durch die Landesdenkmalpflege erhält ein Gebäude also offiziell das Siegel "Denkmal". Dem gehe allerdings ein gründlicher Rechercheprozess voraus. "Wir müssen sehr genau begründen, warum wir ein Gebäude als Denkmal einstufen, das sind oft mehrere Seiten ausführlicher Erläuterung", skizziert die Landeskonservatorin den Ablauf.

Junge Denkmäler in Rheinland-Pfalz

Schön, hässlich, Denkmal

Hallenbad Nord in Ludwigshafen (Foto: Imago, imago50839366h)
Das Hallenbad Nord in Ludwigshafen: Ein echtes städtisches Hallenbad, erhalten mit all seinen typischen Kacheln und Farben. Früher ging Helmut Kohl hier in die Sauna, seit 2001 hat das Schwimmbad ausgedient. "Heute wird das Bad als Feuerlöschteich für die benachbarte Müllverbrenungsanlage genutzt", erzählt Landeskonservatorin Kaiser. In "seinem Ensemble mit der originalen Farbgebung" sei das Bad ein hervorragendes Zeitzeugnis und steht deshalb seit einigen Jahren auf dem Denkmalsockel. Imago imago50839366h Bild in Detailansicht öffnen
Der Architekt Oswald Mathias Ungers - bekannt auch unter OMU - ist als "Meister des Quadrates" bekannt geworden. Er stammte aus der Eifel und hat in seiner Heimat eine Villa für die Familie konzipiert. Das Haus hat einen 17 mal 17 Meter Grundriss und ist in einen Park eingebettet, der ebenfalls dem 17-Meter-Raster entspricht. Erst zwischen 1986 und 1988 in Utscheid gebaut, ist die Anlage mit dem parkähnlichen Garten bereits heute in ihrer Gesamtheit ein Denkmal. Bild: Peter Liptau Bild in Detailansicht öffnen
"Eine skurrile Denkmalgeschichte", nennt Expertin Kaiser die Kauzenburg in Bad Kreuznach. Anfang der 1970er Jahre erhielt der Architekt Gottfried Böhm den Auftrag, auf die Ruine der Kauzenburg ein Restaurant zu bauen. Die Burg stammt aus dem 13. Jahrhundert. Sie ist von der Bevölkerung akzeptiert, anders als das, was ihr oben aufgestülpt wurde. Beides wurde aber als Ensemble zum Denkmal ernannt. "Der Teil aus unserer Zeit wird weiter als hässlich empfunden, aber die zwei Teile sind ineinander verkrallt und nicht auseinander zu dividieren", erklärt Kaiser. Imago imago78637819h Bild in Detailansicht öffnen
Der siebengeschossige, mit dunklem, norwegischem Marmor verkleidete Rathausbau in Mainz wurde 1973 nach dem Entwurf der dänischen Architekten Arne Jacobsen und Otto Weitling erbaut. Das Image des Rathauses in der Landeshauptstadt ist denkbar schlecht. Den Denkmalstatus hat der Bau nichtsdestotrotz. Für Landeskonservatorin Roswitha Kaiser zur Recht, ist doch der Bau "ein Zitat für Mainz als alte Festungsstadt". Für die Expertin ist der im Volksmund "Beamtengefängnis" genannte Bau ein Design-Kunstwerk. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Die Zentralmensa der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz ist eines der jüngsten baulichen Denkmäler in Rheinland-Pfalz. Der Entwurf stammt von Hans Auras, gebaut wurde die Mensa in den 1980er Jahren. Pressestelle GDKE Rheinland-Pfalz – Landesdenkmalpflege/Leonie Köhren Bild in Detailansicht öffnen

Welche Bedingungen muss ein Denkmal erfüllen?

Wenn Otto-Normalverbraucher an Denkmäler denkt, hat er ein schönes, richtig altes Gebäude vor seinem inneren Auge. "Schön war früher vor allem aber Herrschaftsarchitektur." Heute gehe es beim Denkmalschutz um einen sehr weit gefassten Begriff eines Kulturdenkmals.

"Da geht es darum, welche waghalsigen Projekte oder neuen Materialen umgesetzt wurden", erklärt die Denkmal-Expertin. Und es geht immer darum, ein Denkmal als Zeugen einer bestimmten Zeit zu sehen: Was sagt ein Bauwerk über die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, über künstlerische, handwerkliche oder wissenschaftliche Verfahren aus? "Deshalb akzeptieren wir auch bescheidene Sachen, soziale Sachen, die aber in einer pluralistischen Gesellschaft ihren Wert haben."

Kann eine Baracke ein Denkmal sein?

Als Beispiel nennt Kaiser die in ganz Deutschland in den Nachkriegsjahren vom Architekten Otto Bartning gebauten Notkirchen. Eine davon steht in Mainz: die Lutherkirche. Diese Kirchen entstanden als schneller Ersatz mit einfachen Mitteln nach dem Zweiten Weltkrieg. Insofern seien sie Zeitzeugen einer Gesellschaft, die um liturgische Räume gerungen hat. "Auch eine Baracke kann also denkmalwürdig sein."

Beim Denkmalschutz geht es also nicht unbedingt darum, für das Auge schöne Gebäude zu erhalten. "Denkmal kann etwas mit 'schön' zu tun haben, das ist aber relativ und Generationen haben unterschiedliche Vorstellungen von dem, was schön ist", sagt Kaiser.

Wer sucht nach neuen Denkmälern?

Prinzipiell kann jeder Eigentümer die Landesdenkmalpflege kontaktieren. "Aber das eben auch nur der Eigentümer, ein Nachbar kann das nicht veranlassen", betont Kaiser. Ansonsten ist die Landesdenkmalpflege viel im Land unterwegs. "Wird irgendwo neu gebaut, dann schauen wir uns vor Ort um und überlegen, ob es dort Gebäude gibt, die man erhalten und schützen sollte."

Denkmalbesitzer - aber pleite?

Denkmalbesitzer sein, ist auch eine Belastung. Die Sanierung eines Balkons in einer denkmalgeschützten Villa könne schon mal sechsstellige Sanierungskosten bedeuten. Daran lässt die Herrin der Denkmäler keinen Zweifel. "Es gibt viel zu wenig Geld für viel zu viele Denkmäler." Mittlerweile gebe es zwar auch vom Bund Sonderprogramme und auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz sei ein Großförderer. Ausreichend sei das dennoch nicht. Privatleute müssten vor allem die steuerliche Abzugsfähigkeit nutzen.

Gibt es ein Mindestalter für Denkmäler?

Eine formale Vorgabe gibt es nicht. Aber die oberste Hüterin der rheinland-pfälzischen Denkmäler erkärt, dass man erst nach etwa 30 Jahren überhaupt einen neutralen Blick zurück auf die Architektur werfen könne. Deshalb stehen derzeit immer wieder Bauten aus den 70er und 80er Jahren im Blickpunkt. Zeitlicher Abstand sei absolut erforderlich.

Aber die Beispiele des Mainzer Rathauses und der Kauzenburg in Bad Kreuznach zeigen auch, dass offenbar selbst 30 Jahre nicht unbedingt ausreichen, um die Bedeutung eines Gebäudes jenseits der visuellen Schönheit zu erfassen. "Davon abgesehen sind die 70er Jahre einfach noch nicht wieder in Mode, das wird noch kommen, so wie auch die 50er wieder modern geworden sind", ist Kaiser vom Comeback der Arne-Jacobsen-Periode überzeugt.

Dauer

Selbst wenn die Bevölkerung also einen Bau hässlich findet, hat er doch aus verschiedenen Gründen das Recht darauf, ein Denkmal zu sein. "Entsprechend ist viel Vermittlungsarbeit erforderlich." Ein Beitrag dazu ist auch der jährliche Tag des offenen Denkmals.

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