Ein junges Kind liegt in einem Krankenhaus von Sierra Leone. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance)

Philosophische Bewegung Effektiver Altruismus: Menschen helfen mit System

Effektive Altruisten wollen Gutes tun - so wirksam wie möglich. Ein Professor der Universität Mainz erklärt, wie das genau funktioniert.

Das Wort Effektivität wird besonders im wirtschaftlichen Zusammenhang gerne verwendet. Doch auch eine altruistische - also uneigennützige - Bewegung macht sich diesen Begriff zu eigen. Die Rede ist von effektiven Altruisten. Doch wie passen diese beiden Begriffe zusammen?

Als Grundlage dient den effektiven Altruisten eine Zahl: 80.000. "Das ist die Anzahl an Stunden, die ein Mensch durchschnittlich mit seiner beruflichen Karriere verbringt", sagt Thomas Metzinger, Mitbegründer der "Stiftung für Effektiven Altruismus" und Seniorprofessor an der Universität Mainz. "Die Idee ist, dass die Arbeitszeit eine Ressource ist, die genutzt werden kann, um Gutes zu bewirken." Aber wie?

Ein Arzt ist ersetzbar ...

Zum einen gibt es für effektive Altruisten die Möglichkeit, einen Beruf zu wählen, der der Bewegung des effektiven Altruismus weiterhilft. "Ich habe zum Beispiel gedacht, es wäre gut, Philosoph zu werden und sich mit Kognitionswissenschaft und Hirnforschung zu beschäftigen", sagt Metzinger. Denn als Wissenschaftler könne er zu relevanten Fragestellungen für den effektiven Altruismus forschen. "Auch in der Politik sollte der effektive Altruismus einen Arm haben", sagt Metzinger. „Allerdings ist es in politischen Institutionen schwierig, etwas zu bewegen, da dort wirtschaftliche Interessen oftmals im Vordergrund stehen.“

Typischerweise wollen altruistische Menschen Berufe ausüben, in denen anderen Menschen oder Tieren direkt geholfen wird. Beispielsweise als Arzt. Für die "Stiftung für Effektiven Altruismus" ist dies jedoch nicht unbedingt der beste Weg. Denn was viele Menschen bei ihrer Berufswahl nicht beachten würden, sei die Ersetzbarkeit. Die meisten dieser Berufe würden von einer ähnlich kompetenten Person ausgeführt werden, wenn man es nicht selbst macht.

... ein spendabler Banker nicht

Die andere Möglichkeit, sein Arbeitsleben möglichst effektiv altruistisch zu gestalten, heißt "Earning to give" (Verdiene, um zu geben). "Ein effektiver Altruist kann beispielsweise Karriere bei der Bank machen und von seinem Gehalt mehrere Aktivisten finanziell unterstützen oder einen Teil seines Einkommens spenden", sagt Metzinger. Die Annahme der effektiven Altruisten dahinter ist: Wenn der Job von einer anderen Person ausgeübt werden würde, würde diese das Gehalt wahrscheinlich nicht für gute Zwecke nutzen.

"Die Gefahr beim 'Earning to give' ist jedoch, dass man sich durch das Arbeitsumfeld verändert."

Thomas Metzinger

Das könne dazu führen, dass ein effektiver Altruist nach jahrelanger Arbeit allmählich von der Ursprungsidee absehe und das Geld doch lieber behält anstatt es zu spenden. Metzinger selbst hält das daher nicht für die beste Idee.

Dauer

Wichtig bei der Spende: die Kosteneffektivität

Apropos spenden. Auch hier ist alles auf Kosten-Nutzen-Rechnungen ausgelegt. "Die Ausgangsfrage beim effektiven Altruismus lautet: Was hat die besten Auswirkungen, wenn ich einen Euro spende?", sagt Metzinger. Die Messgrößen hierbei seien unter anderem die Anzahl der geretteten Personen oder Lebensjahre. Viele Menschen würden beim Spenden jedoch nicht so rational vorgehen.

"Das Geld, das für den Wiederaufbau der Notre-Dame-Kathedrale gespendet wurde, hätte viele Menschenleben retten können."

Thomas Metzinger

In armen Ländern sind Spenden effektiver

Aufgrund der höheren Effektivität unterstützen die Anhänger der Bewegung mit ihrem Geld lieber Hilfsprojekte in Entwicklungsländern. "Man kann mit einer Spende mehr Menschen in Bangladesch helfen als in Deutschland", sagt Metzinger. Auf geografische oder kulturelle Nähe wird beim effektiven Altruismus keine Rücksicht genommen. Das Leid wird global betrachtet. "Der effektive Altruismus wirft unangenehme Fragen auf", sagt er. Beispielsweise würde er mit seinem Gehalt zu den 0,4 Prozent der reichsten Menschen der Welt gehören.

"Ich spende zehn Prozent meines Einkommens. Selbst nach Abzug der Spende gehöre ich aber noch zu den 0,6 Prozent reichsten Menschen der Welt."

Thomas Metzinger

Angesichts dieser Zahlen denke er sich nur, wie unanständig es sei, nicht noch mehr abzugeben.

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