Joachim Paul, AfD (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

AfD-Fraktionsvize Doktorvater beendete Betreuung von Pauls Dissertation zu NS-Thema

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Der rheinland-pfälzische AfD Partei- und Fraktionsvize Paul wollte nach SWR-Recherchen 2013 über eine SS-Forschungseinrichtung promovieren. Doch ein Mainzer Professor brach seine Betreuung ab. Neue Recherchen von SWR, NDR und taz legen außerdem nahe, dass Paul für eine NPD-Zeitschrift geschrieben hat – und dazu öffentlich die Unwahrheit sagte.

Nach SWR-Recherchen arbeitete der heutige AfD-Fraktions- und -Landesvize Joachim Paul an einer Promotion, die er nicht abschloss. Seine Promotionsvorhaben hatte Paul unter dem Titel "Die Bedeutung der Untersuchung der frühneuzeitlichen Hexenprozesse im Ahnenerbe und dessen personelle Verflechtungen" bei der Johannes Gutenberg-Universität Mainz angemeldet.

Das Ahnenerbe war eine von Heinrich Himmler eingerichtete SS-"Forschungseinrichtung", die Archäologie, Anthropologie und Geschichte der Deutschen aus nationalsozialistischer Sicht zusammenbrachte. Betreuer der Arbeit war damals der Historiker Prof. Dr. Ludolf Pelizaeus, der am Historischen Seminar in Mainz lehrte. Auf SWR-Anfrage erklärte Pelizaeus sich bereit, über das Thema zu sprechen.

Paul wirkte "orientierungslos"

Obwohl der Fall Jahre zurück liegt, erinnert sich der Historiker gut an Joachim Paul als engagierten Studenten, der hartnäckig im Archiv recherchiert habe und im Umgang sehr nett gewesen sei. Im Jahr 2013 aber habe er die Zusammenarbeit mit Paul wegen zunehmender inhaltlicher Differenzen beendet. Paul habe begonnen, sich unkritisch mit Schriften von SS-Ideologen zu befassen: "Germanien, Monatshefte für Germanenkunde."

Pelizaeus habe in Pauls Auseinandersetzung mit dem Quellenmaterial, also der Behandlung der Hexenprozesse durch das SS-Ahnenerbe - "einem durchaus delikaten Thema" - die Entwicklung gefehlt. "Die Inhalte zu referieren, ist völlig irrelevant, weil Sie mit diesen Inhalten nur irgendwelche kruden NS-Theorien wiedergeben können. Das ist für eine wissenschaftliche Arbeit nicht zielführend", so Pelizaeus.

Zunächst habe sein Student Paul auf ihn "orientierungslos" gewirkt. Später sei ihm klar geworden, dass Paul "doch so in der rechten Ecke verortet werden musste, dass eine neutrale Bearbeitung des Themas nicht mehr möglich war". Pelizaeus habe dann von einer weiteren Zusammenarbeit Abstand genommen. Das sei ihm in der Betreuung von Doktoranden noch nie vorgekommen.

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Paul: Zusammenarbeit einvernehmlich beendet

Joachim Paul teilte dem SWR über seinen Anwalt mit, dass ihm die Vorwürfe von Pelizaeus bisher nicht bekannt gewesen seien. Die Betreuung sei "stets harmonisch und wissenschaftlich-professionell" abgelaufen. Die Zusammenarbeit zwischen Paul und Pelizaeus sei "in beiderseitigem Einverständnis" beendet worden, weil sich der Forschungsschwerpunkt von Paul vom Fachgebiet seines Professors entfernt habe. Paul habe sich immer von "jedwedem nationalsozialististischen und/oder rechtsextremistischen Gedankengut" distanziert.

Neue Details zu möglicher Autorenschaft in NPD-Zeitschrift

Im Mai dieses Jahres hatte die Tageszeitung taz über eine angebliche Nähe Pauls zu rechtsextremen Inhalten berichtet. Die Recherchen hätten nahegelegt, dass der heutige AfD-Politiker aus Koblenz 2011 einen Text für die rechtsextreme Zeitschrift "Hier & Jetzt" verfasst habe. Unter dem Pseudonym "Karl Ludwig Sand" habe Paul in dem Text den wegen Mordes verurteilten norwegischen Black-Metal-Musiker Varg Vikernes verherrlicht.

Vikernes bezeichnet sich selbst als Faschist. Als Beleg für Joachim Pauls Autorenschaft des Textes zitierte die taz aus Mails, die zwischen der Mail-Adresse blackshirt@hushmail.com und dem "Hier & Jetzt"-Chefredakteur und NPD-Politiker Arne Schimmer ausgetauscht worden seien. Die Mail-Adresse sei Paul durch die Teilnehmerliste eines burschenschaftlichen Seminars zuzuordnen.

Die Zeitschrift "Hier & Jetzt" wurde bis 2013 vom NPD-nahen Bildungswerk für Heimat und nationale Identität herausgegeben. Im sächsischen Verfassungsschutzbericht hieß es 2006, dass die Zeitschrift "vordergründig rechtsextremistische Theorien transportiert".

Starke neue Anhaltspunkte für Pauls Autorenschaft

Nach Erscheinen des taz-Artikels im Mai dieses Jahres bestritt Paul die Vorwürfe vor dem Medienausschuss des rheinland-pfälzischen Landtages: "Ich bin nicht dieser Autor." Im SWR-Fernsehen sagte der AfD-Politiker, er könne "mit diesen ganzen E-Mails überhaupt nichts anfangen".

In einem Schreiben von Pauls Anwälten hieß es: "Unserem Mandanten ist weder das Pseudonym, noch die benannte Email-Adresse bekannt." Neue Recherchen von SWR, NDR und taz geben Anlass zu Zweifeln an dieser Aussage.

Es liegen starke neue Anhaltspunkte vor, wonach der spätere AfD-Politiker Paul die Mail-Adresse blackshirt@hushmail.com seit 2010 mehrfach verwendet hat. Unter anderem, um mit Mitgliedern seiner Burschenschaft zu kommunizieren.

Unter anderem fragte blackshirt@hushmail.com bei befreundeten Burschenschaftern aus Bielefeld an, ob er während einer Studienreise ins Staatsarchiv in Detmold in deren Verbindungshaus übernachten könne. Unterschrieben ist die Mail aus dem Frühjahr 2011 mit "Joachim Paul, Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks". Recherchen des SWR zeigen, dass Paul 2011 tatsächlich im Staatsarchiv in Detmold war und dort den Nachlass eines Ahnenerbe-Autoren einsah.

Paul verwendete schon zu Studienzeiten „Blackshirt“

Der Absender der Hushmail-Nachrichten wird mehrmals namentlich begrüßt: "Hallo Joachim", "Sehr geehrter Herr Verbandsbruder Paul!". SWR, NDR und taz liegen auch Antwortmails von blackshirt@hushmail.com vor, die mit "Joachim Paul ABB der Raczeks" (Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks, Anm. d. Red.) unterzeichnet sind.

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In einer Mail von Dritten wird die fragliche Adresse zudem zusammen mit einer Koblenzer Postanschrift von Paul genannt, an der er 2011 gemeldet war. Die Recherchen zeigen, dass Paul beim Mailanbieter Hushmail mindestens eine weitere E-Mail-Adresse besaß, die seinen Klarnamen trug.

Pelizaeus: Paul war schon früher "Blackshirt"

Dass Joachim Paul den Namen "Blackshirt" in seinen Mailadressen verwendete, lässt sich auch anhand von Mails aus seinen Studienzeiten zeigen, die dem SWR ebenfalls vorliegen. So nutzte er die Adressen j.blackshirt@googlemail.com und blackshirt@gmx.net.

Auch Pauls früherer Doktorvater Pelizaeus erinnert sich daran, dass Paul "Blackshirt" nutzte: "Es war ganz normal, dass ich an Blackshirt geschrieben habe." Paul hingegen lässt nach wie vor durch seine Anwälte bestreiten, weder die E-Mail-Adresse blackshirt@hushmail.com verwendet zu haben, noch im Jahr 2011 den Artikel in "Hier & Jetzt" geschrieben zu haben.

Expertin: "Blackshirt" als rechtsextremer Code

Die Gießener Burschenschafts- und Rechtsextremismusexpertin Dr. Alexandra Kurth weist im Gespräch mit dem SWR auf eine mögliche Bedeutung des Namens "Blackshirt" hin. Die Bezeichnung "Schwarzhemd" hätten sich faschistische Gruppierungen wie auch die SS wegen ihrer Uniformen gegeben: "Den Begriff Schwarzhemden würde man nicht einfach aus Versehen benutzen, sondern es ist klar: Schwarzhemden sind die SS, genauso wie Braunhemden die SA sind." Wer die Eigenbezeichnung "Schwarzhemd" nutze, sei entweder historisch sehr ungebildet "oder aber er will damit seine Sympathien für solche Organisationen wie SS oder faschistische Paramilizen zum Ausdruck bringen".

Paul will AfD-Landesvorsitzender werden

Die neuen Details könnten für Wirbel in der Landes-AfD sorgen. Joachim Paul ist als Vize-Partei- und Fraktionsvorsitzender einer der prominentesten Politiker der Partei in Rheinland-Pfalz. Am 16. November will er in Bingen bei der Wahl zum Landesvorsitzenden der rheinland-pfälzischen AfD antreten. Bisher ist er der einzige bekannte Kandidat. Amtsinhaber Uwe Junge hat angekündigt, sich nicht erneut zur Wahl zu stellen.

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