weiße Maus auf Hand (Foto: SWR)

Mäuse, Ratten und Co. Warum es in Rheinland-Pfalz noch Tierversuche gibt

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Im Vergleich zu den Vorjahren kamen 2017 in der rheinland-pfälzischen Forschung wieder mehr Versuchstiere zum Einsatz. Doch wie alternativlos sind Mäuse und Ratten tatsächlich?

Knapp 80.000 Mäuse, 46.000 Ratten und 5.000 Kaninchen - sie alle wurden im vergangenen Jahr der Forschung geopfert. Laut Landesuntersuchungsamt (LUA) werden jährlich etwa 80 bis 100 Versuche mit unterschiedlich vielen Tieren beantragt. Nahezu alle werden auch genehmigt.

Vor allem bei der Entwicklung von Arzneimitteln und anderen Medizinprodukten kommen Tierversuche noch zum Einsatz - wie beim Pharmakonzern Boehringer Ingelheim. "Tierversuche machen einen kleinen, aber entscheidenden Teil des Entwicklungsprozesses aus und sind als Basis für die sichere Anwendung am Menschen auf absehbarere Zeit unverzichtbar", bestätigt ein Sprecher. 97 Prozent der Versuchstiere seien Mäuse und Ratten.

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Nicht jedes Tier kommt in Frage

Auch in den Laboren der Mainzer Universitätsmedizin landen regelmäßig Mäuse unter dem Mikroskop - ebenso wie bei Boehringer Ingelheim aber nur nach abgeschlossenem Genehmigungsverfahren und unter strengen Auflagen. So dürfen beispielsweise nicht an allen Tieren Versuche vorgenommen werden.

Entscheidend für eine Genehmigung ist die biologische und die emotionale Nähe einer Tierart zum Menschen. Hinzu kommen wissenschaftliche Erkenntnisse, die es inzwischen zur Schmerzwahrnehmung und Leidensfähigkeit bestimmter Tierarten gibt. In der Kritik stehen beispielsweise immer wieder Versuche an Affen.

In Rheinland-Pfalz eingesetzte Versuchstiere (Quelle: Landesuntersuchungsamt Rheinland‐Pfalz)
TierartAnzahl Tiere 2017Anzahl Tiere 2016
Mäuse79.90682.578
Ratten46.18630.763
Kaninchen5.163468
Meerschweinchen5214
Mongolische Rennmäuse413-
Chinesische Grauhamster10-
Hunde229228
Katzen2610
Schweine18496
Rinder163357
Schafe8627
Haushühner1.674793
Krallenfrösche455335
Frösche97930
Zebrabärblinge9.29312.699
Sonstige Tiere (hauptsächlich Fische)5.5274.839

Nach Angaben des Landesuntersuchungsamts kommen Tierversuche auch in der Entwicklung von Pflanzenschutzmittel zum Einsatz. Oftmals seien diese für die behördliche Zulassung der Substanzen sogar zwingend erforderlich, da die geforderten Daten nur durch Tests an Tieren gewonnen werden können.

"Im Falle von Arzneimitteln geht es um den Schutz der Patienten", so Sprecherin Kerstin Stiefel. Das betreffe auch Medikamente für Tiere. Weitere Gründe für Tierversuche seien der Schutz der Umwelt und in der Lebensmittelproduktion auch der Schutz der späteren Konsumenten, zum Beispiel vor Arzneimittelrückständen.

Forschung mit Kaninchen-Föten

Während die Zahl der angemeldeten Versuche in den vergangenen Jahren gleichbleibend war, verzeichnete das LUA mit 150.000 Versuchstieren 2017 deutlich mehr als in den Vorjahren. Im Jahr 2016 waren es 134.138, ein Jahr zuvor 130.079.

Dass es vor allem bei Kaninchen einen derart großen Anstieg gab, liegt nach Angaben des LUA an einer neuen Verordnung für Reproduktionsstudien, bei denen in der Regel weibliche Kaninchen mit Nachkommen eingesetzt werden. Sie besagt, dass bei den Versuchen auch die Föten der Muttertiere mitgezählt und in den Statistiken dokumentiert werden müssen.

Das Bewusstsein für einen ethisch-moralischen Umgang mit Tieren und die Forschung im Bereich der Alternativmethoden hat in den vergangenen Jahren derweil zugenommen. So wird die Suche nach Alternativen von Seiten des Bundes finanziell gefördert. Mehr als 500 Projekte gab es bereits, die die sukzessive Abschaffung von Tierversuchen zum Ziel haben.

"Ethisch nicht zu rechtfertigen"

Tierschützern ist das aber längst nicht genug: "In Tierversuchen leiden Tiere stellvertretend für den Menschen", sagt Andreas Lindig vom Tierschutzbund Rheinland-Pfalz. Es sei ethisch nicht zu rechtfertigen, einem Lebewesen, das in vergleichbarer Weise wie der Mensch schmerzempfindlich und leidensfähig ist, derartiges anzutun.

Verankert ist das auch im deutschen Tierschutzgesetz. Demnach darf keinem Tier ohne einen triftigen Grund Schmerzen oder Schäden zugefügt werden. Für Tierversuche gibt es allerdings festgeschriebene Ausnahmen.

"Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen."

§ 1 Tierschutzgesetz

Großer Teil der Tiere genetisch verändert

Tierschutzverbände beklagen zudem immer wieder, dass bei den Versuchen in das Erbgut der Tiere eingegriffen wird. So wurden im Jahr 2017 von den insgesamt 149.464 verwendeten Tieren 40.039 bereits mit genetischen Abweichungen gezüchtet.

Bei Boehringer in Ingelheim sieht man auch dazu wenig Alternativen. Man forsche an Tieren jedoch nicht nur im Sinne des Menschen, heißt es, sondern auch bei der Entwicklung von Tierarzneimitteln. Dafür seien Tests mit ebendiesen unverzichtbar.

Der Gesetzgeber überlässt die Genehmigung solcher Tierversuche den zuständigen kommunalen Behörden, verbietet in Paragraph 7a des Tierschutzgesetzes aber einiges grundsätzlich: Tierversuche in Rahmen der Waschmittel- und Kosmetikproduktion zum Beispiel, solche mit Tabakerzeugnissen sowie Tests mit Waffen oder Munition.

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