Helmut Kohl und sein Kabinett (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Kohls Anfänge in Rheinland-Pfalz Vor 50 Jahren wurde Helmut Kohl Ministerpräsident

Inmitten des turbulenten Jahres 1969 wird Helmut Kohl Regierungschef in Mainz: Die Basis für seine spätere Karriere in Bonn und Berlin. Kohls Kultusminister und Wegbegleiter Bernhard Vogel erinnert sich zurück.

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19:45 Uhr
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SWR Fernsehen RP

Mit 39 Jahren trat Helmut Kohl in seiner rheinland-pfälzischen Heimat das Amt des Ministerpräsidenten an. Bis heute war kein Länderchef jünger. Sein Regierungsantritt am 19. Mai 1969 war der regionale Beginn einer schließlich internationalen Karriere. In einem Jahr globaler Umbrüche startet der CDU-Politiker aus der Pfalz in wahrlich turbulenten Zeiten.

"Es war eine große Herausforderung für uns alle", erinnert sich Parteikollege Bernhard Vogel, damals Kultusminister und später Kohls Nachfolger als Ministerpräsident. In dem landwirtschaftlich geprägten Bundesland mit "Rüben und Reben"-Image herrschte damals erheblicher Reformbedarf. Ein halbes Jahrhundert ist Kohls Amtsantritt jetzt her. Wenn Vogel in seinem Haus in Speyer darüber spricht, wirkt es fast wie gestern.

Helmut Kohl bei der Vereidigung (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Helmut Kohl wird am 19.5.1969 im Mainzer Landtag als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz vereidigt Picture Alliance

Der Wechsel zum vitalen Aufsteiger aus Oggersheim

Die Amtsübergabe sei lange geplant gewesen, erzählt er. Von dem Wechsel vom fast doppelt so alten Amtsinhaber Peter Altmeier zum vitalen Aufsteiger aus Oggersheim versprach sich die CDU auch ein Signal des Aufbruchs. "Bei Altmeier war das Kabinett eher eine Runde würdiger älterer Herren", sagt Vogel. "Bei Kohl lief es anders. Oft begann es mit einer manchmal längeren Ausführung zur Lage in Europa und der Bundespolitik, dann wurde diskutiert." Die Regierungsarbeit sei zwar im Kern die gleiche, der Stil sei aber völlig unterschiedlich gewesen, so Vogel.

Vogel: "Wir waren per Sie"

Kohl war Vogel erstmals während seiner Studienzeit in Heidelberg 1954 begegnet. Auf einem grünen Motorroller der Marke Lambretta fuhr der angehende Historiker an Vogel vorbei. "Ein Kommilitone sagte zu mir: 'Das war der Kohl - der wird einmal Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz.' Später besuchte Kohl für zwei Semester das gleiche Seminar, so dass wir uns wöchentlich sahen." Obwohl erst Anfang 20, siezten sich die beiden. "Es war unüblich damals, sich zu duzen. Das taten nur die Linken. Wir waren per Sie", ergänzte Vogel.

Auf Drängen von Kohl trat Vogel schon 1967 in das Kabinett von Altmeier ein. "Das traf mich völlig überraschend: mit 34 ein Ministerangebot." Und auch Heiner Geißler, damals Chef der Jungen Union in Baden-Württemberg, ereilte Kohls Ruf nach Mainz - als Sozialminister. "Da saßen wir nun: halb so alt wie die übrigen Minister und nicht gewohnt, dienstags bei der Kabinettssitzung schon um 9 Uhr Spätlese zu trinken", erzählt Bernhard Vogel schmunzelnd.

Helmut Kohl als Ministerpräsident (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Kohl war von den 100 Landtagsabgeordneten mit 57 Ja-Stimmen als Nachfolger von Altmeier gewählt worden Picture Alliance

Rheinland-Pfalz - das "Glanzstück" der CDU-Politik

Er erinnere sich noch, dass Geißler und er sich nach einem Monat trafen und sagten: "Immerhin! Vier Wochen haben wir schon geschafft!". Dass daraus 20 Jahre werden sollten, hätte kein Mensch für möglich gehalten, sagt der heute 86-Jährige. Kohl übernahm zwei Jahre später Vogel und Geißler in sein Kabinett. 1976, als er als CDU-Vorsitzender und Oppositionsführer nach Bonn gerufen wurde, verabschiedete sich Kohl mit den Worten: "Dieses Land Rheinland-Pfalz und seine Regierung ist ein Glanzstück der CDU-Politik. Dies behaupte ich."

Und auch als Kanzler vergaß er Rheinland-Pfalz nicht: In Speyer und in Deidesheim empfing er die Großen der Welt. Die US-Präsidenten Ronald Reagan und George Bush verhalfen dem Bundesland ebenso zu Bekanntheit wie etwa der letzte Sowjetpräsident Michail Gorbatschow. Kohl starb am 16. Juni 2017 im Alter von 87 Jahren in Oggersheim. In Mainz trägt seit April 2018 ein Teil des Ernst-Ludwig-Platzes seinen Namen - Helmut-Kohl-Platz.

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