Bischöfe bei der Vollversammlung im Gebet - Sie müssen sich der Prävention von Missbrauch nach der MHG-Studie stärker widmen (Foto: picture-alliance / dpa)

Trier und Speyer legen Missbrauchsfälle seit 1946 vor Kirche muss nach Ansicht von Forschern Strukturen ändern

In Fulda ist die im Auftrag der Kirche erstellte Missbrauchsstudie veröffentlicht worden. Besonders geprüft wurden in Rheinland-Pfalz die Bistümer Trier und Speyer.

Im Bistum Trier sind in den Personalakten seit 1946 insgesamt 148 Priester wegen sexuellen Missbrauchs beschuldigt worden, wie Generalvikar Ulrich von Plettenberg am Dienstagnachmittag in Trier mitteilte. Betroffen waren insgesamt 442 Opfer. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann zeigte sich erschüttert von den Ergebnissen der Studie zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch katholische Priester.

Das Bistum Speyer hat 89 Priester in seinen Akten erfasst, die des sexuellen Missbrauchs beschuldigt werden und 186 Betroffene. Die Daten sind Teil der bundesweiten Studie.

Dauer

Hohe Dunkelziffer an Missbrauchsfällen

Trier und Speyer gehören zu den zehn Bistümern, in denen Wissenschaftler aus Mannheim, Heidelberg und Gießen den Umgang mit Missbrauch seit 1946 in den Blick nahmen. In den übrigen 17 deutschen Diözesen wurde lediglich der Zeitraum ab dem Jahr 2000 erforscht. Dazu zählen auch die auf rheinland-pfälzischem Gebiet liegenden Bistümer Mainz, Limburg und Köln. Sie hätten sich nicht gegen eine intensivere Erforschung gesträubt, erklärte Petra Pfeiffer aus der SWR-Redaktion Religion, Migration und Gesellschaft. Die Forscher hätten selbst die Bistümer für die Langzeitauswertung ausgewählt.

Die Deutsche Bischofskonferenz hatte die sogenannte MHG-Studie selbst in Auftrag gegeben. Danach sollen sich zwischen 1946 und 2014 mindestens 1.670 Kleriker an 3.677 Kindern und Jugendlichen vergangen haben. Mehr als die Hälfte der Opfer war zum Tatzeitpunkt maximal 13 Jahre alt. Die meisten Opfer waren männlich. Die Dunkelziffer ist den Wissenschaftlern zufolge deutlich höher.

Dauer

Die Ergebnisse legten nahe, dass es in der Kirche Strukturen gegeben habe und gebe, die Missbrauch begünstigen könnten, sagte der Koordinator der Studie, Harald Dreßing. "Dazu gehören der Missbrauch klerikaler Macht, aber auch der Zölibat und der Umgang mit Sexualität, insbesondere mit Homosexualität".

Auch die Rolle der Beichte müsse überdacht werden, weil Täter sie zum Teil zur Tatanbahnung (Einsetzen von psychologischen Machtmitteln), aber auch zur Verschleierung und zur eigenen Entlastung missbraucht hätten, sagte der Psychiater. Eine nähere Beschäftigung mit diesen Strukturen und Themen sei aus seiner Sicht wichtiger als die Analyse der Zahlen, die ohnehin nur "die Spitze eines Eisbergs" zeigen könnten.

Marx zeigte Scham und Erschütterung

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, bekundete deutliche Selbstkritik an der Kirche und seinem eigenen Handeln: "Allzulange ist in der Kirche Missbrauch geleugnet, weggeschaut und vertuscht worden", sagte er. "Ich empfinde Scham für das Wegschauen von vielen, die nicht wahrhaben wollten, was geschehen ist und die sich nicht um die Opfer gesorgt haben. Das gilt auch für mich! Wir haben den Opfern nicht zugehört." Sexueller Missbrauch sei ein Verbrechen, ergänzte Marx. Und wer schuldig sei, müsse bestraft werden.

Katholische Bistümer auf dem Gebiet von Rheinland-Pfalz (Foto: SWR)
Anzahl der Missbrauchsopfer laut einer Studie der Kirche in katholischen Bistümern, die in Rheinland-Pfalz liegen

Laut den Studienergebnissen hatte sich nur ein Drittel der aktenkundigen Täter einem kirchenrechtlichen Verfahren zu stellen. Viele der beschuldigten Priester seien an einen anderen Ort versetzt worden - ohne Hinweis auf die Vorgeschichte. Bislang gibt es keinen deutschen Bischof, der im Umgang mit einem Missbrauchsfall persönlich Schuld eingeräumt habe, gibt SWR-Redakteurin Pfeiffer zu bedenken.

Opferverband fordert unabhängige Aufarbeitung

Der bundesweite Betroffenenverband "Eckiger Tisch" fordert, dass die Missbrauchsfälle von einer unabhängigen, staatlichen Kommission aufgearbeitet werden. Der Verband rief Politik und Gesellschaft auf, stärker auf die Kirchen einzuwirken, damit diese "offener und transparenter mit dem Thema Missbrauch umgehen, besser mit den Justizbehörden zusammenarbeiten und auch höhere Anerkennungsleistungen zahlen".

Dauer

Ende Januar 2010 hatte der Leiter des Berliner Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, Missbrauchsfälle an dem katholischen Internat öffentlich gemacht. Der Missbrauchsskandal löste deutschlandweit in Kirche und Gesellschaft Erschütterung aus.

Seit 2011 können Opfer der sexuellen Gewalt bei der katholischen Kirche Anerkennungsleistungen beantragen. Nach Angaben der Bischofskonferenz wurden bis Juli dieses Jahres 1.850 Anträge gestellt. Bis Ende 2015 erhielten rund 1.000 Antragsteller insgesamt 6,4 Millionen Euro.

STAND