Gespräche mit Erfurter Bürgern Interviews damals und heute - Erinnerung an Mauerfall vor 30 Jahren

Wenige Tage nach dem Fall der Mauer reiste der junge SWF-Reporter Joachim Görgen 1989 nach Erfurt, die Partnerstadt von Mainz. 30 Jahre danach macht er sich auf die Suche nach seinen Interviewpartnern von damals.

Joachim Görgen erinnert sich noch genau an die Atmosphäre, die damals in Erfurt herrschte. "Die Stimmung war sehr überschwänglich, die Leute waren wie ausgewechselt", erzählt der Journalist. Zwei Jahre vor dem Mauerfall war er schon einmal in der DDR. "Es war eine völlig andere Stimmung, wie der berühmte Vergleich von Tag und Nacht." Die Erwartungen und Hoffnungen der Menschen seien 1989 sehr groß gewesen.

30 Jahre später will er wissen, ob sich die Vorstellungen seiner Interviewpartner erfüllt haben. Viele sind inzwischen verstorben oder krank und gebrechlich. Doch drei von ihnen trifft er im Sommer 2019 wieder. Mit ihnen kehrt er an die Orte von damals zurück. "Ich glaube, das war für sie durchaus ein bewegender, aber auch ein sehr schöner Moment", so Görgen.

Dauer

Drei Gesprächspartner

Er trifft Matthias Büchner, einen Mitbegründer der Bürgerbewegung "Neues Forum" und eine treibende Kraft beim demokratischen Umbruch im Herbst 1989. "Es war großartig", erinnert sich Büchner heute. "Die Menschen waren in Aufbruchstimmung."

Matthias Büchner (Foto: SWR)
Matthias Büchner 1989 und 2019 in Erfurt

Außerdem spricht Joachim Görgen mit dem CDU-Politiker Hartmut Stolz, der sich damals für eine Neuausrichtung der Ost-CDU ("Blockpartei") engagiert hat und lange Mitglied des Stadtrats war.

Der dritte Gesprächspartner ist der evangelische Pfarrer Edelbert Richter. Er hatte 1989 die neue Partei "Demokratischer Aufbruch" mitbegründet und war 1990 zur SPD gewechselt. Für die SPD saß er in der letzten DDR-Volkskammer und danach im Bundestag. Heute ist er Mitglied bei der Partei "Die Linke".

Wunsch nach Freiheit erfüllt

Trotz der verschiedenen politischen Auffassungen sei bei allen die Bilanz heute positiv, sagt Görgen. "Alle drei sind der Meinung, dass es gut war, wie es gekommen ist, und sind auch durchaus zu recht stolz auf ihre eigene Leistung dabei." Aus Sicht von Richter sei die ökonomische Einheit jedoch nicht gelungen.

Vor allem habe sich aber der Wunsch nach Freiheit erfüllt. "Meinungsfreiheit - sagen zu können, was man denkt. Reisefreiheit - hinreisen zu können, wohin man will", so Görgen. Auch die Hoffnung auf einen friedlichen Wandel habe sich erfüllt. "Das ist bis heute ein Punkt, der für die Menschen sehr wichtig ist, wenn sie zurückdenken", erzählt Görgen.

Joachim Görgen (Foto: SWR)
Joachim Görgen ist heute Abteilungsleiter der Multimedialen Nachrichten des SWR in Rheinland-Pfalz

Doch nicht alles verlief so positiv wie erhofft. Dazu gehören wirtschaftliche Probleme, die bis heute nachwirken. In den 90er Jahren habe die ehemalige DDR-Industriestadt Erfurt rund 10.000 Arbeitsplätze verloren. Erst jetzt habe die Mainzer Partnerstadt wieder so viele Einwohner wie vor der Wende. "Es gibt durchaus die Verlierer der Wende, und die sich bis heute noch so fühlen - auch wenn sie inzwischen vielleicht eine andere Arbeit gefunden haben."

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