Rheinland-pfälzischer DGB-Chef Dietmar Muscheid (Foto: SWR)

Kritik an rheinland-pfälzischen Arbeitsagenturen DGB-Chef: Langzeitarbeitslose mangelhaft betreut

Der Kampf gegen Langzeitarbeitslosigkeit in Rheinland-Pfalz kommt kaum voran, so DGB-Landeschef Dietmar Muscheid. Das liege auch an der Arbeit der Arbeitsagentur.

"Die Langzeitarbeitslosigkeit verharrt auf einem viel zu hohen Niveau", sagt DGB-Landeschef Dietmar Muscheid. Der Kampf dagegen komme seit Jahren nicht voran. Dafür sind nach Ansicht des Gewerkschafters auch die Arbeitsagenturen verantwortlich. Der Armutsexperte Gerhard Trabert warnt unterdessen vor den fatalen Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit für Gesundheit und Psyche Betroffener.

Langzeitarbeitslosigkeit dauert zunehmend länger

Laut der Regionaldirektion der Arbeitsagentur waren im Durchschnitt des Jahres 2011 in Rheinland-Pfalz 111.074 Menschen ohne Job, 2017 waren es 106.299. Die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit stieg von 394 Tagen im Jahr 2011 auf 428 im vergangenen Jahr.

Ähnlich das Bild bei Langzeitarbeitslosen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Jahr oder länger arbeitslos gemeldet waren: Ihre Zahl sank von 35.496 (2011) auf 33.884 (2017). Gleichzeitig stieg bei ihnen die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit von 964 auf 1.082 Tage.

In Jobcentern und Arbeitsagentur werde Langzeitarbeitslosigkeit überwiegend nur verwaltet, kritisierte Muscheid. Das liege am Missverhältnis zwischen Betreuern und Klienten. Es müsse zielgerichteter etwas für Qualifizierung und Weiterbildung getan werden. Bei der Auswahl von Anbietern für Qualifizierungsmaßnahmen dürfe nicht nur auf den Preis geschaut werden.

Arbeitsagentur widerspricht Muscheid

Dem entgegnet die Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion der Arbeitsagentur, Heidrun Schulz, es werde im Kampf gegen Langzeitarbeitslosigkeit sehr wohl auf intensive Betreuung sowie Konzepte für eine verbesserte soziale Teilhabe gesetzt. Aber: "Oftmals sind kurzfristige Integrationserfolge angesichts der vielschichtigen Lebenslagen langzeitarbeitsloser Menschen nicht zu erwarten."

Sozialmediziner: 20 Mal höhere Suizidrate

Zum Umgang mit Langzeitarbeitslosen merkte der Mainzer Sozialmediziner Gerhard Trabert an, es sei wichtig, respektvoller auf diese Menschen zuzugehen. Arme würden häufig als "Sozialschwache" bezeichnet. Sie seien aber nicht sozial schwach, sondern hätten nur wenig Geld.

Der Mainzer Sozialmediziner Gerhard Trabert (Foto: SWR)
Der Mainzer Sozialmediziner Gerhard Trabert

Grundsätzlich sei festzustellen, dass bei Langzeitarbeitslosen die Depressions- und Selbstmordrate 20 Mal höher als bei Erwerbstätigen sei. "Besonders Männner beziehen ihre Identität häufig über die Arbeit", erklärte Trabert. Insofern löse eine lange Arbeitslosigkeit in vielen Fällen Selbstzweifel aus, einhergehend mit einem "Selbstwertverlust".

Aus dem Grund hält Gewerkschafter Muscheid ein bedingungsloses Grundeinkommen für den falschen Weg. Das sei eine "Wahnsinnsidee", weil sich Menschen nunmal über Arbeit definierten. Letztlich sei der einzige Weg, die Regelsätze für Hartz IV zu erhöhen, um Betroffene nicht gänzlich vom gesellschaftlichen Leben auszuschließen, forderte Trabert.

Bei beispielsweise 416 Euro für ein Elternteil und 240 Euro für Kinder bis fünf Jahren, mit dem darin enthaltenen Tagesbudget für Frühstück, Mittagessen und Abendbrot von 2,77 Euro sei eine gesunde Ernährung schlicht nicht möglich, kritisierte er. "Ein Eisbällchen im Sommer ist für diese Kinder Utopie."

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