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Es war ein Skandal, der das Vertrauen in die Qualität des deutschen Weins schwer erschütterte. Er wirbelte die rheinland-pfälzische Justiz und Politik jahrelang auf, bewirkte aber auch ein Umdenken im Weinanbau. Vor 25 Jahren fiel das Urteil im Glykol-Skandal um gepanschte Weine.

Gut zehn Jahre zuvor war das Treiben von Winzern und Weinhändlern aufgeflogen. Ein kleiner Traktor brachte die Sache ins Rollen. Ein Winzer in Österreich hatte den Verdacht des Finanzamtes auf sich gezogen, weil er für sein Gefährt ungewöhnlich viel Frostschutzmittel steuerlich geltend machen wollte. Das war der Auftakt für einen der größten Lebensmittelskandale der letzten Jahrzehnte.

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Ausgangspunkt Burgenland

Im Juli 1985 warnt der damalige Bundesgesundheitsminister Heiner Geißler (CDU) die Öffentlichkeit vor dem Genuss österreichischer Prädikatsweine. Diese könnten mit Diethylenglykol verseucht sein, einer Chemikalie, die Leber, Nieren und Nerven schädigen kann. Im Burgenland war Weinen das leicht süßliche Frostschutzmittel beigemischt worden. Das hatten Chemiker im Januar entdeckt. Ab März war umfangreich getestet worden. Zuvor war es jahrelang unbemerkt geblieben. Diethylenglykol ist ein ideales Hilfsmittel für Weinpanscher: billig und schwer nachweisbar. Die Weine sollten lieblicher werden, was damals vor allem dem Geschmack vieler deutscher Verbraucher entsprach. Der Zusatz machte aus billigen Tafelweinen scheinbar hochwertige Auslesen. Nun werden weltweit österreichische Weine aus den Regalen genommen.

Der Skandal kommt in Rheinland-Pfalz an

Im August wird das giftige Glykol auch in Weinen nachgewiesen, die in Rheinhessen abgefüllt wurden. Weine waren mit österreichischen, darunter auch glykolbelasteten, gestreckt und als Qualitäts- und Prädikatsweine in den Handel gebracht worden. Ins Zentrum des Skandals rückt die renommierte Großkellerei Ferdinand Pieroth aus Burg Layen im Nahetal bei Bingen. Mitbesitzer Elmar Pieroth ist 1985 Wirtschaftssenator in Berlin. Von 1969 bis 1981 saß er für die CDU im Bundestag. Er erklärt, er habe von den Machenschaften nichts gewusst.

Die Firma Pieroth zeigt sich bereit, die Verantwortung für eine "unzureichende Einkaufspolitik und nicht ausreichende Kontrollmechanismen" zu tragen. Es beginnen Ermittlungen, die sich über zehn Jahre hinziehen. Einen Hinweis auf eine Verwicklung von Elmar Pieroth ergeben sie nicht. Die Staatsanwaltschaft klagt später sechs Personen an, darunter zwei Mitglieder der Unternehmerfamilie Pieroth.

Bürger bringen im Juli 1985 Flaschen mit gepanschtem Wein zu einem eigens dafür aufgestellten Container. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance / dpa | Roland Scheidemann)
Bürger bringen im Juli 1985 Flaschen mit gepanschtem Wein zu einem eigens dafür aufgestellten Container. picture-alliance / dpa | Roland Scheidemann

Der Weinmarkt und ein Großhändler am Abgrund

Als die Dimension des Skandals klar wird, bricht zunächst der österreichische und dann auch der deutsche Weinmarkt zusammen. Die Traditionsfirma Pieroth steht bald vor der Pleite. 1984 hatte Pieroth noch 3.500 Mitarbeiter in aller Welt und einen Jahresumsatz von 600 Millionen Euro. Im August 1985 protestieren rund 5.000 Winzer in Mainz gegen unzureichende Importkontrollen. Sie sehen sich in ihrer Existenz bedroht.

In den Jahren davor hatte es immer wieder Warnungen vor den Importweinen gegeben. 1981 waren in der Bundesrepublik zehn Mal mehr österreichische Prädikatsweine im Umlauf, als die Behörden in Österreich amtlich registriert hatten. Der Vorstand des Verbands Rheinpfälzer Weinkellereien vermutete bereits 1982 "Betrug in größerem Stil". Doch die Behörden in Rheinland-Pfalz begünstigten weiterhin die Großabfüller und die Flut an Spät- und Ausleseweinen.

Turbulenzen auch in der Politik

Verzögerungen bei der Aufdeckung und Aufarbeitung des Skandals bringen auch die rheinland-pfälzische Landesregierung unter Druck. Sie räumt schließlich Versäumnisse ein. Personelle Konsequenzen folgen: Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) entlässt einen Staatssekretär im Landwirtschafts- und Weinbauministerium. Noch weitere leitende Beamte werden entlassen oder versetzt. Die Landesregierung beschließt finanzielle Hilfen für die unverschuldet in Not geratenen Winzer. Man werde alles tun, den Verbraucher so umfassend wie möglich zu schützen und das Vertrauen in die Qualität des deutschen Weines zu erhalten und, wo nötig, wieder herzustellen, heißt es von der Regierung.

Langwieriges juristisches Verfahren

Während der juristischen Aufarbeitung kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem rheinland-pfälzischen Justizminister Peter Caesar (FDP) und der Staatsanwaltschaft sowie innerhalb der Justiz. Der Verdacht: Das Unternehmen Pieroth nutze seine Kontakte zur Politik, um das Verfahren zu beeinflussen.

Durchsuchung der Staatskanzlei steht kurz bevor

Die Staatsanwälte stehen kurz vor einer Durchsuchung der Staatskanzlei, werden aber vom Leiter der Staatsanwaltschaft Bad Kreuznach in letzter Minute gestoppt. Ein Untersuchungsausschuss des Landtags befasst sich mit der Frage einer möglichen politischen Einflussnahme im Fall Pieroth.

Die Ermittlungen in dem Fall ziehen sich hin. Der anfängliche Verdacht gegen die Pieroth-Geschäftsleitung, sie habe planmäßige Fälschungen angeordnet oder davon gewusst, bricht in sich zusammen. 1990 erfolgen Festnahmen. 5.000 Akten sammeln sich für das Hauptverfahren an. Erst im Mai 1993 beginnt der Prozess vor dem Landgericht Bad Kreuznach, in dem die Staatsanwaltschaft einen illegalen Gewinn der Weinkellerei Pieroth von 137 Millionen Mark geltend macht. Verantworten müssen sich sechs frühere leitende Angestellte von Pieroth. Zwischen 1978 und 1985 sollen rund 5,6 Millionen Liter Wein mit Wein, der Glykol enthielt, verschnitten worden sein. Keiner der Angeklagten äußert sich im Prozess zu den Vorwürfen.

Viele Fragen bleiben offen

Vor Gericht bleiben Verantwortlichkeiten ungeklärt; unbeabsichtigte Fehler der Beschuldigten kann das Gericht nicht ausschließen. Zudem war kein einziger Fall von Gesundheitsschädigung bekannt geworden. Die Dosis, die die kriminellen Winzer und Abfüller in Österreich ihren Produkten beigemischt hatten, war offenbar zu gering gewesen, um Menschen zu schädigen. 0,5 Milligramm Glykol genügen, um das Aroma eines Weins zu kräftigen. Als tödliche Dosis gelten 40 Gramm.

Die Staatsanwaltschaft mildert den Vorwurf des Betrugs in versuchten Betrug ab und beantragt nur noch Bewährungs- und Geldstrafen. Der Prozess in Bad Kreuznach endet im Mai 1994 schließlich mit einem Freispruch. Dieser wird im Juli 1995 vom Bundesgerichtshof aufgehoben. In der Neuverhandlung am Landgericht Koblenz wird das Verfahren im April 1996 gegen die Zahlung von Geldbußen von insgesamt einer Million Mark eingestellt. In Österreich hatte es im Zuge des Skandals zahlreiche Haftstrafen gegeben.

Verbesserte Standards, Trendwende zu trockenen Weinen

Wie konnten aus sauren Jahrgängen süße und obendrein preiswerte Spätlesen werden? Darüber hatten sich viele Konsumenten vor dem Glykol-Skandal kaum Gedanken gemacht. Einige ahnten aber, dass die sogenannten Prädikatsweine verbotenerweise mit Zucker angereichert waren. Es gab auch Winzer in Rheinland-Pfalz, die nicht nur Flüssigzucker, sondern auch Glyzerin für die harmonische Fülle beimengten. Der Schock des Skandals ließ nun plötzlich trockene Weine in der Nachfrage steigen. Nicht länger griffen die Liebhaber dieser Weine nur zu französischen oder italienischen Tropfen. Es kam zu einer kleinen Revolution. In den deutschen Weinbau kehrten hohe Qualitätsansprüche zurück.

Als Folge des Glykol-Skandals erhöhte man die Standards der Kontrollen, ferner kam es in der Amtszeit von Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) zur Trennung der Zuständigkeit von Kontrolle und Weinbau. Überdies wurde in das Qualitätsmanagement und die Ausbildung der Winzer investiert.

Die Firma Pieroth konnte gerettet werden und benannte sich 1988 in WIV Wein International um. Heute heißt sie wieder Pieroth Wein AG, beschäftigt mehr als 1.000 Mitarbeiter und zählt nach eigener Aussage zu den weltweit führenden Unternehmen im Direktvertrieb von Wein.

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