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Reanimation per Telefon Jede Sekunde zählt!

Bis der Notarzt im Notfall beim Patienten ist, dauert es. Erste Untersuchungen zeigen, dass telefonisch angeleitete Wiederbelebungsmaßnahmen helfen und Leben retten können.

Blaulicht auf dem Dach eines Einsatzwagens, beschriftet mit "Notarzt"

Acht Minuten und mehr kann es dauern, bis Notarzt und Rettungswagen vor Ort sind.

Ein Beitrag von Alexander Drechsel, SWR Redaktion Reporter und Recherche

"Hier ist der Notruf. Feuerwehr und Rettungsdienst - wo genau ist der Notfallort?"

Wenn Patrick Hofmeister in der Leitstelle Oberschwaben Notrufe entgegennimmt, geht es oft um Leben und Tod. Brechen Menschen zusammen, weil etwa Herz und Atmung aussetzen, schicken Hofmeister und seine Kollegen nicht nur Notarzt und Rettungswagen, sie bleiben am Telefon und geben dem Anrufer - als Ersthelfer - lebensrettende Anweisungen: "Hören Sie genau zu, ich werde Ihnen jetzt die Herz-Druck-Massage erklären. (...) Legen Sie einen Ihrer Handballen auf die Mitte seines Brustkorbes..."

Hofmeister

Patrick Hofmeister nimmt in der Rettungsstelle des Roten Kreuzes die Notrufe entgegen

Leitstelle gibt telefonisch Hilfestellung bei Wiederbelebung

Mit der sogenannten Telefon-Reanimation soll die Zeit überbrückt werden, bis der Rettungsdienst eintrifft. Denn schon nach zwei Minuten ohne Blutkreislauf wird das Gehirn geschädigt - der Rettungsdienst braucht aber meist acht oder mehr Minuten bis zum Einsatzort.

Sind Telefon-Reanimationen Alltag im Rettungsdienst? Der SWR hat bei allen 42 Leitstellen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz nachgefragt - 31 antworteten:

Von diesen Leitstellen gaben alle an, dass ihr Personal Telefon-Reanimationen anleiten könne. Aber Experten zufolge passiert das trotzdem viel zu selten. Deutschlandweite Untersuchungen belegen, dass nur in 25 bis 30 Prozent der Fälle die lebensrettende Maßnahme zur Anwendung kommen.

Kritik: Klare Verpflichtung zur Telefon-Reanimation fehlt bislang

Achim Hackstein

Achim Hackstein, vom Fachverband Leitstellen, setzt sich für mehr Telefon-Reanimationen ein

Es gibt keine klare Verpflichtung zur Telefon-Reanimation. Ein Umstand, den Achim Hackstein vom Fachverband Leitstellen kritisiert.

Was das konkret bedeutet, verdeutlicht er an einem Beispiel: Bei einem Autofahrer auf irgendeiner Autobahn "ist die Theorie, dass er etwa alle 100 Kilometer eine andere Überlebensprognose beim Herz-Kreislauf-Stillstand hat. Es ist einfach dem Zufall überlassen, ob er gerade bei dem Disponenten rauskommt, der es tut oder ob er eben Pech hat und irgendwo landet, wo es nicht gemacht wird und dann verstirbt." Vielen Menschen könnte also geholfen werden, wenn eine Herzdruckmassage angeleitet würde.

Keine telefonische Hilfe - das kann den Staatsanwalt auf den Plan rufen

"Es kommt möglicherweise der Vorwurf einer unterlassenen Hilfeleistung gemäß Paragraph 323c Strafgesetzbuch in Betracht", sagt der Jurist, Fachautor und Oberstaatsanwalt Ralf Tries aus Koblenz. Denn ebenso wie Notarzt und sonstiges Rettungsdienst-Personal stehe auch die Leitstelle in der Verantwortung. Das beginnt schon bei der Frage, ob die Telefonreanimation eingeleitet wird.

"Ist das nicht der Fall, dann kann sich sogar der Träger einer Leitstelle genauso dieses Vorwurfs schuldig machen, wie der einzelne Leitstellen-Disponent, wenn er aus persönlichen Gründen meint, beispielsweise den Notruf sofort beenden zu können."

In Ravensburg setzt man voll auf Telefon-Reanimation

Klaus Schliz

Klaus Schliz vom Roten Kreuz im Kreis Ravensburg kann Erfolge der Telefon-Reanimation nachweisen

Patrick Hofmeister und seine Kollegen in der Leitstelle Oberschwaben haben von ihrem Chef eine klare Anweisung zur Telefon-Reanimation. Zusätzlich wird ein Computerprogramm eingesetzt, das den Mitarbeitern verbindlich Fragen und Anleitungen vorgibt. Die Folge: Die Zentrale in Ravensburg leitet nun - statt wie bisher in knapp 30 Prozent - in fast 80 Prozent der Fälle eine Telefonreanimation an.

Das ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Arbeit von Klaus Schliz. Er sagt: "diese 50 Prozent mehr Anleitung bringen unterm Strich ungefähr 87 Personen mehr Überleben wie früher".

Ergebnis der ersten Studie: 87 Menschenleben mehr gerettet

Im Klartext: Rechnerisch kommen dank der Telefon-Reanimation nun statt 31 Patienten 118 Patienten lebend ins Krankenhaus. 87 Menschen mehr als ehemals!

Dank Schulung, spezieller Computerunterstützung, klarer Anweisungen und stichprobenartiger Kontrolle geben Hofmeister und seine Kollegen telefonische Anleitungen für Herz-Druck-Massagen, damit mehr Menschen einen Kreislauf-Stillstand überleben.

Online: Lutz Heyser & Elke Harter