Josef Schuster über die Folgen des Ukraine-Kriegs

Zentralrat der Juden: "Wir helfen allen Geflüchteten!"

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AUTOR/IN
Esther Saoub

In 105 jüdischen Gemeinden in Deutschland wird an diesem Wochenende Pessach gefeiert – manche Gläubige kommen direkt aus dem Krieg, sagt Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden.

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Anastasia Gulej ist 96 Jahre alt. Sie hat die Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen überlebt und ist nun vor dem russischen Angriff auf die Ukraine nach Sachsen-Anhalt geflohen. Josef Schuster ist ihr begegnet, bei der Feier zum 77. Jahrestag der Befreiung von Buchenwald. Anastasia Gulej habe gemischte Gefühle, sagte Schuster im SWR Interview der Woche, "einerseits die Trauer, die Heimat verlassen zu müssen, aber auch die Freude oder Dankbarkeit darüber, wie sie hier in Thüringen aufgenommen wurde und betreut wird".
Die jüdischen Gemeinden helfen in Kooperation mit den Kommunen jeder und jedem Geflüchteten mit dem, was sie am nötigsten brauchen: einem Dach über dem Kopf und Nahrung. "Also zunächst ist nicht unser Problem, bist du jüdisch, bist du nicht jüdisch - es geht erst mal darum, den Menschen zu helfen" so Josef Schuster.

Zurück in die Ukraine - oder in Deutschland bleiben?

Jüdische Geflüchtete können in Deutschland einen Antrag auf Zuwanderung stellen. Die Regelungen hierfür wurden Ende März erleichtert, da sich das bisherige Verfahren im Krieg nicht mehr umsetzen lässt. Doch nur etwa die Hälfte der jüdischen Geflüchteten will sich eine Zukunft in Deutschland aufbauen, sagt Zentralratspräsident Schuster gegenüber dem SWR: "Und es gibt fast mehr, die die Hoffnung haben, dass dieser Krieg bald zu Ende geht und sie die Möglichkeit haben, wieder in ihre Heimat zurückzukehren".

Austausch von Jugendlichen verschiedener Religionen

Der Zentralrat der Juden ermöglicht auf vielen Ebenen die Begegnung zwischen den Religionen. Etwa mit dem Projekt "Meet a Jew", das Begegnungen zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Jugendlichen in Schulen, Berufsschulen, Universitäten oder Kirchengemeinden möglich macht. Oft, so Josef Schuster, träfen die Teilnehmenden der Veranstaltungen erstmals eine gleichaltrige Jüdin oder einen Juden und stellten dabei fest, dass die Themen, die sie bewegen, größtenteils identisch sind. Gemeinsamkeiten entdecken auch muslimische und jüdische Jugendliche im Austausch "Schalom Aleikum". Hier gehe es allerdings auch um Erfahrungen der Ausgrenzung oder Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft.

Antisemitismus hat durch Corona zugenommen

"In den letzten zwei Jahren bemerke ich eine Zunahme des Antisemitismus", sagte Zentralratspräsident Schuster im SWR Interview der Woche. "Und hier spielt Corona eine Rolle mit. Übrigens ein Phänomen, das es schon im Mittelalter gab, nicht Corona, aber auch damals war es die Pest und wenn irgendetwas passiert, gerade im gesundheitlichen Bereich, das man sich nicht so richtig erklären kann, dann wird erst mal eine Minderheit dafür verantwortlich gemacht. Im Mittelalter hätten die Juden ja angeblich die Brunnen vergiftet, weswegen es zur Pest gekommen ist. Und da muss man sagen, genau das wurde auch sehr stark ausgenutzt von rechtsradikalen Kreisen, die eben dann diese Corona-Leugner-Szene entsprechend unterwandert haben. Und da sehen wir eine klare Zunahme von Antisemitismus."

Mehrdeutige Äußerungen der AfD

Auch mit Blick auf die AfD äußerte sich Josef Schuster besorgt. Erst Ende Januar hatte er in einem Artikel zum Jahrestag der Wannseekonferenz an die Äußerung von Alexander Gauland erinnert, der den Nationalsozialismus als 'Vogelschiss in der deutschen Geschichte' bezeichnet. Josef Schuster sagte, an diesem Zitat lasse sich sehr gut die Taktik der AfD erkennen: "sich zweideutig zu äußern aber eindeutig zu meinen. Was gemeint war, war völlig klar. Man hat sich aber so geäußert, dass es nicht justiziabel ist".
Schuster lobte die Arbeit der Beauftragten gegen Antisemitismus auf Bund- und Länderebene und betonte auch sein Vertrauen in die anderen Abgeordneten: "Ich glaube, die Parlamentarier, insbesondere der demokratischen Parteien, haben sehr gut verstanden, wes Geistes Kind die Vertreter der AfD im deutschen Parlament darstellen, zumindest zu ihrer großen, überwiegenden Anzahl. Die Frage ist vielmehr die, welche Auswirkungen haben solche Äußerungen auf die Bevölkerung? Und ich glaube, da wurde lange Zeit nicht verstanden, welche Überlegungen sich hinter solchen Äußerungen von AfD-Funktionären verbergen".

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Esther Saoub