Zecken lieben Klimawandel: FSME-Fälle treten auch im Winter auf

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Andreas Böhnisch
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Sebastian Felser

Die Erderwärmung hat in den Jahren 2023 und 2024 zum ersten Mal ein ganzes Jahr lang dauerhaft über 1,5 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter gelegen. Das hat der EU-Klimawandeldienst Copernicus Anfang Februar mitgeteilt. Das bedeutet auch, dass Zecken praktisch ganzjährig aktiv sind.

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Von Februar 2023 bis Januar 2024 lag die globale Durchschnittstemperatur um 1,52 Grad über dem Referenzwert aus dem 19. Jahrhundert. Die Durchschnittstemperatur lag im Januar bei 13,14 Grad und auch der Februar ist bislang sehr mild. Es gab so gut wie keinen Schnee. Was das für die Zeckenpopulationen bedeutet, darüber informiert die Universität Hohenheim. Dort erforscht Ute Mackenstedt, Leiterin des Fachgebiets Parasitologie, Zecken und die Krankheitserreger, die sie übertragen. Im Gespräch mit SWR Aktuell-Moderator Andreas Böhnisch erklärt sie, was uns von den Zecken im Winter und im kommenden Sommer droht.

SWR Aktuell: Wie groß ist die Gefahr, dass ich mitten im Winter von einer Zecke gestochen werde?

Ute Mackenstedt: Also das Risiko besteht. Wir sehen schon seit vielen Jahren, dass die Zecken im Winter nicht wirklich verschwinden - natürlich in der Menge schon - aber wir müssen immer davon ausgehen, dass Zecken noch aktiv sind. Was wir auch sehen, ist, dass die ersten FSME-Fälle bereits an das Robert Koch-Institut im Jahr 2024 gemeldet worden sind. Wenn wir jetzt davon ausgehen: Bis eine FSME wirklich diagnostiziert wird, vergehen etwa vier Wochen. Das heißt, die Infektion muss dann schon sehr viel früher erfolgt sein, sprich im Januar. Also das Risiko ist zwar geringer als im Sommer, aber es ist nicht gleich null.

SWR Aktuell: Die Zecken machen also keine Winterpause mehr. Liegt das nur an den milden Temperaturen?

Mackenstedt: Es liegt an den milden Temperaturen. Wir haben ja nicht mehr die knackigen Winter mit diesen tiefen Minustemperaturen wie vor 10 oder 20 Jahren, sondern wir sehen seit vielen Jahren, dass die Temperaturen zum Beispiel im Dezember locker die 10 Grad übersteigen und auch im Januar nicht deutlich darunter liegen. Der Gemeine Holzbock, die Zeckenart, die am häufigsten hier verbreitet ist, ist bei solchen Temperaturen schon unterwegs. Also wir gehen davon aus, dass der Klimawandel hier natürlich auch eine Rolle spielt, und wir sind auch der Meinung, dass sehr viele Zecken, die im letzten Jahr geschlüpft sind, überleben und sofort im neuen Jahr aktiv sind.

SWR Aktuell: Trotzdem haben es die Zecken im Winter nicht ganz so leicht, zuzustechen, weil wir ja in der Regel lange Hosen und auch Jacken tragen. Wo greifen Zecken dann trotzdem an?

Mackenstedt: Wo sie die Möglichkeit haben – das bedeutet also: lange Hosen, Socken über die Hosen, das ist schon mal eine gute Lösung. Man kann auch mit solchen Repellentien arbeiten, also man kann sich einsprühen. Das ist kein hundertprozentiger Schutz, aber der Schutz ist schon deutlich höher, als wenn ich das Spray nicht benutzen würde. Die beste Methode ist immer, sich nach so einem Spaziergang abzusuchen. Spaziergang bedeutet aber auch, wenn Sie sich zum Beispiel im Garten aufhalten – und das tun sie ja häufig sehr viel länger als zum Beispiel im Wald – auch dort im Garten besteht ein Risiko, dass eine Zecke auf Sie überwechselt.

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SWR Aktuell: Schauen wir auf den Sommer: Wird es wegen des Klimawandels mehr Zecken im Sommer geben?

Mackenstedt: Das ist immer relativ schwierig abzusehen, aber in den letzten Jahren war es so, dass wir eine hohe Zeckenaktivität hatten. Im letzten Jahr war es die größte Zeckenaktivität, die bisher in einem Projekt nachgewiesen worden ist. Wir müssen also schon davon ausgehen, dass wir wieder eine hohe Zeckenaktivität haben und dann besteht auch immer ein erhöhtes Risiko, sich entweder mit FSME-Viren oder auch mit Borrelien zu infizieren.

SWR Aktuell: Und welche Möglichkeiten bestehen, die Vermehrung und Ausbreitung der Zecken einzudämmen.

Mackenstedt: Sie müssen sich vorstellen, dass so ein Lebenszyklus einer Zecke – sprich: des Gemeinden Holzbocks zum Beispiel - etwa drei bis fünf Jahre dauert. Das heißt, die Zecken, die wir dieses Jahr erwarten, wenn sie sich entwickelt haben, sind schon vor ein oder zwei Jahren angelegt worden. Deshalb ist es wahnsinnig schwierig, etwas gegen diese Zeckenaktivität zu tun. Was wir sehen, ist: In der sehr, sehr trockenen Zeit haben wir eine geringere Zeckenaktivität, weil der Gemeine Holzbock eine hohe Luftfeuchtigkeit braucht, aber sich darauf zu verlassen - davon würde ich nicht ausgehen. Wir müssen also davon ausgehen, dass wir zunehmend auch eine hohe Zeckenaktivität haben und was man auch beobachtet, ist, dass die Zecken häufiger in den höheren Regionen der Berge auftauchen. Wir haben ja auch höhere Temperaturen im Gebirge und das kommt den Zecken zugute. Das heißt, wir können durchaus in einer Höhe von 1200 Metern erwarten, dass dort auch stabile Zeckenpopulationen entstehen.

SWR Science Talk Die Zecke – Weltmeisterin der Evolution

Zecken sind sehr anpassungsfähig und flexibel. Aufgrund des Klimawandels fühlen sich in Deutschland auch Tropenzecken wohl. Worauf wir achten müssen, weiß Prof. Ute Mackenstedt.

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