Eine abgelegte Maske auf einem Bistrotisch (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Matthias Bein)

Das Leben nach der Pandemie

Corona-Lockerungen: Auch im Kopf umstellen auf "normal"

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Die Lockerung der Corona-Regeln macht vielen Mut, manchen aber auch Sorge. Wie wir mental aus dem Pandemie-Modus rauskommen, erklärt Kommunikationsexpertin Stefanie Voss im SWR-Interview.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat am Freitag die nächsten Öffnungsschritte für die Corona-Auflagen in Baden-Württemberg verkündet, die Mitte kommender Woche in Kraft treten sollen. Nach zwei Jahren Pandemie muss man sich auch daran erst gewöhnen.

SWR: Ist es normal, dass einem der Gedanke an Freiheiten, die zurückkommen werden, Angst macht?

Stefanie Voss: Das hört sich natürlich erst einmal komisch an, aber es ist total normal, dass uns das Angst macht - weil wir auf jede Veränderung, die uns persönlich betrifft, in irgendeiner Form emotional reagieren. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und auch, wenn es sich vielleicht gerade mal nicht so schön anfühlte mit der Pandemie, so haben wir uns doch ein Stück weit daran gewöhnt. Jetzt kommt wieder eine Veränderung. Das betrifft uns persönlich, also kommen da Emotionen hoch. Es kann Angst sein, es kann auch etwas anderes sein. Aber emotionale Reaktionen in so einer Situation sind ganz normal.

Wie kriegen wir jetzt die Kurve, wie kommen wir aus dem Alarmmodus heraus zurück ins normale Leben? Von jetzt auf gleich geht das wahrscheinlich nicht. Ist vorsichtiges Herantasten da die richtige Strategie?

Auf jeden Fall ist es individuell unterschiedlich, wie Menschen damit umgehen. Natürlich wird jemand, der Angst empfindet, anders an die Veränderungen herangehen als jemand, der sich freut - ganz klar. Wenn wir uns freuen, dann wollen wir, dass die Veränderung passiert, dann sind wir sicherlich schneller unterwegs. Wenn wir vorsichtig sind, weil wir Angst haben, dann werden wir sicherlich behutsamer mit dieser Veränderung umgehen. Wichtig ist: Es gibt da kein Richtig und kein Falsch! Das ist einfach eine individuelle Bewertung, die jeder Mensch für sich selbst vornehmen muss. Was dann natürlich auch ganz wichtig ist: Dass ich eine gewisse Rücksichtnahme mitbringe, wenn andere Menschen in so einer Situation anders reagieren als ich.

Das heißt also, Sie raten solchen Menschen dann, darüber auch mit Freunden zu sprechen, das offen zu benennen?

Ja, auf jeden Fall. Im Dialog zu bleiben ist sowieso immer eine gute Idee. Und wenn wir irgendetwas in der Pandemie leider ein Stück weit verlernt haben, dann sind das sehr gute und offene Dialoge miteinander, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind. Wenn jetzt diese Rückkehr in die Normalität dazu beiträgt, dass wir wieder mehr ins Gespräch miteinander kommen, dass wir wieder die Unterschiede, die uns ausmachen, respektvoll anerkennen können, dann ist das auf jeden Fall eine gute Sache. Aber, ehrlich gesagt, ist das auch für die Gesellschaft eine gute Sache, wenn unsere Dialogkompetenz sich wieder ein bisschen positiver entwickelt.

Manche Menschen haben einige "Begleiterscheinungen" der Corona-Pandemie vielleicht auch als ganz angenehm empfunden. Zum Beispiel, dass man durch die Kontaktbeschränkungen einfach mehr Zeit für sich hatte. Wie erhält man sich denn so was?

Die Corona-Pandemie hat ja unser Leben sehr stark verändert. Und wir haben gemerkt, was diese Veränderung mit uns macht, ob uns das gefällt oder nicht. Grundsätzlich hat uns die Pandemie gezeigt, dass es eine sehr gute Idee ist, uns selbst einfach ab und zu mal diese Frage zu stellen: Was will ich eigentlich gerade? Ich nenne das immer gerne so eine Art "Boxenstopp". Wir sollten uns ab und zu kurz Zeit nehmen, mal in uns reinhören, und fragen: Bin ich hier eigentlich gerade so unterwegs, wie ich das gerne möchte - oder erfülle ich eigentlich gerade nur die Erwartungen, die irgendwelche Leute an mich haben? Das lohnt sich immer, unabhängig von einer Pandemie, dass ich ab und zu mal zu mir zurückkehre, mich frage: Was will ich denn jetzt eigentlich? Das heißt natürlich nicht, dass wir jetzt alle super-egoistisch werden sollen. Aber wenn mir die Ruhe der Pandemie an verschiedenen Stellen gut getan hat, dann ist es vielleicht genau jetzt meine Aufgabe, mir diese Ruhe auch jetzt ein Stück weit zu erhalten.

Blicken wir voraus auf den Herbst: Da ist es ja durchaus möglich, dass durch eine neue Coronavirus-Variante Einschränkungen zurückkommen können. Wie bereite ich mich darauf am besten vor, um dann nicht in ein großes schwarzes Loch zu fallen?

Menschen leben sehr gerne in "Wenn-Dann-Schleifen". Die sind manchmal sehr positiv besetzt, also: "Wenn erst einmal der Sommer kommt, dann wird alles super!" Diese "Wenn-Dann-Schleifen" können aber auch negativ besetzt sein: "Wenn erst mal der Herbst kommt, dann wird alles wieder ganz, ganz furchtbar!"

"Das Leben findet hier, jetzt und heute statt"

Ich kann aber gar nicht in der Zukunft leben - und auch nicht in der Vergangenheit. Das Leben findet hier, jetzt und heute statt. Das, was ich immer rate, ist: Fokussieren Sie sich auf das, was Sie beeinflussen können. Und das ist der Tag heute und vielleicht auch noch diese Woche. Und wenn ich mich darauf fokussiere und mich nicht zu sehr ängstigen oder auch euphorisieren lasse von dem, was da vielleicht kommen mag, dann erspare ich mir eine Menge Angst - aber auch eine Menge Enttäuschung, wenn es dann eben nicht so kommt wie geplant. Wir leben in einer Welt, die sich immer schneller dreht - unabhängig von einer Pandemie - und da ist Leben im Hier und Jetzt eine sehr gute Idee.

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