Ukraine-Krieg: Warum ein deutscher Bauer auf seinen Hof in der Nähe von Kiew zurückkehrt

STAND
AUTOR/IN

Der Ukraine-Krieg belastet die Landwirtschaft. Da Aussaat und Anbau beeinträchtigt sind, könnte die Weizenernte in diesem Jahr nach Schätzung von Experten um rund ein Drittel niedriger ausfallen als 2021. Die Ukraine ist der größte Getreideexporteur Europas und der neuntgrößte weltweit.

Audio herunterladen (3,3 MB | MP3)

Der deutsche Landwirt Dietrich Treis bewirtschaftet mit 80 Beschäftigten einen Hof in der Nähe der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Kurz nach Ausbruch des Krieges hatten er und seine Familie sich in Deutschland in Sicherheit gebracht - jetzt will der Bauer in die Ukraine zurückkehren. SWR Aktuell-Moderator Jonathan Hadem hat mit ihm gesprochen.

Jonathan Hadem, SWR Aktuell: Mit welchem Gedanken treten Sie diese Reise an?

Dietrich Treis: Ich habe ein bisschen Angst davor, was mich dort erwartet. Letztendlich war ich drei Monate nicht da. Meine Mitarbeiter, meine Freunde in Kiew, haben natürlich eine andere Zeit erlebt, als ich hier in Deutschland. Ich mache mir schon Gedanken, ob wir noch gemeinsame Ansatzpunkte finden, oder ob man sich doch stark auseinanderentwickelt hat.

Wenn Sie auf Ihren Hof zurückkommen, wie werden Sie mit ihren Mitarbeitern umgehen, die sind ja teilweise wahrscheinlich auch traumatisiert, oder?

Gut. Bisher sind nur zwei an der Front. Die anderen sind vor Ort, die meisten im Betrieb. Ein paar sind bei der Bürgerwehr oder bei der Armee lokal eingesetzt. Die haben sicherlich nicht so intensiv gekämpft wie die an der Front. Ich hoffe, dass wir normal miteinander umgehen können, dass es normal läuft, dass es da keine Differenzen gibt. Aufgrund der Telefongespräche kann ich sagen: Bisher alles normal.

Wie gefährlich ist der Job für Ihre Mitarbeiter und für Sie im Moment?

Wir haben, als wir zu den Feldern gefahren sind, die in der Nähe der Kampfzone waren, Schutzwesten gekauft. Helme gab es nicht. Die sind im Moment nicht zu bekommen.
Wir haben vorher die Zufahrten zu den Feldern nach Minen abgesucht. Wir haben 15 Meter Abstand zum Feldrand gelassen, weil die Minen in erster Linie auf den Wegen beziehungsweise in den Waldstreifen liegen.
Wir sind jetzt fertig. Ich gehe mal davon aus, dass akut erstmal keine Gefahr besteht. Wir haben die Felder fertig bestellt.

Aber es kann natürlich gut sein, dass in ein oder zwei Jahren, wenn jemand dann in einen Waldstreifen hineingeht, der nicht abgesucht wurde, dann auf eine Mine trifft. Die Minen bleiben da. Ich glaube nicht, dass die einen Selbstzerstörungs-Mechanismus haben. Die Gefahr ist für die nächsten Jahre noch da.
Ich habe den Eindruck, dass es bei uns in der Region nicht ganz so schlimm ist. Aber auszuschließen ist es nicht.

Sie planen, wieder in die Ukraine zu fahren. Ihre Familie bleibt aber erstmal in Passau. Wie schwierig ist das für Ihre Familie?

Die Familie macht sich schon Gedanken. Wir beobachten die Lage die ganze Zeit. Ich werde sicherlich auch eine Zeit in Kiew verbringen, wo unsere Wohnung ist. Ich plane allerdings in erster Linie auf dem Betrieb zu wohnen. Das ist ein bisschen weiter außerhalb.
Aber Kiew ist natürlich immer durch Raketenangriffe eher gefährdet. Der Betrieb ist ein kleines Dorf außerhalb. Da ist wenig zu beschießen. Aber in einer Stadt wie Kiew hat man schon Angst. Eine Gefahr ist, dass man dummerweise gerade an einem Ort ist, wo eine Rakete einschlägt.

Aber Sie wollen trotzdem fahren?

Ich will trotzdem fahren. Im Moment halte ich das Risiko für gering. Wenn sich aber die Lage ändern würde und Kiew stärker beschossen oder die Region stärker wieder angegriffen wird, würde ich schnell wieder ausreisen. Ich habe ein Auto vor Ort.

STAND
AUTOR/IN