In einem Fußball-Stadion steht eine Eckfahne, die in Regenbogen-Farben gehalten ist, um Unterstützung für homosexuelle Fußballer zu zeigen. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Sven Simon)

Themenwoche "Tabu" Protokoll eines Scheiterns: Schwule Kicker gibt es nicht

Fußball und Homosexualität, das schließt sich – vor allem bei den Männern – aus. Das ist zwar keine offizielle Haltung, aber gelebtes Tabu. Das hat auch unser Reporter erfahren.

Für die Themenwoche "Tabu" haben wir nach einem schwulen Fußballer aus dem Südwesten gesucht. SWR-Reporter Kay-Uwe Henning hat auch einen gefunden. Nur: Sich öffentlich zu äußern ist schwierig, wenn nicht unmöglich. Hier ein Protokoll seiner Recherche:

Marcel: Amateur-Fußballer und schwul

Marcel ist Anfang 30, kickt in der Kreisliga und er ist schwul. Ich weiß es, weil er es mir selbst vor längerem mal gesagt hat und in seinem Verein wissen es die meisten Mitspieler auch. Man spricht aber nicht groß drüber. Ist auch in Ordnung, weil es fürs Dribbeln, Passen und Toreschießen völlig unerheblich ist, welche sexuelle Orientierung jemand hat.

Vielversprechende erste Anfrage

Aber der Grund, warum nicht drüber gesprochen wird, ist ein anderer, wie ich jetzt wieder erleben durfte. Denn im Rahmen unserer SWR-Suche nach einem homosexuellen Kicker habe ich Marcel gefragt, ob wir uns mal treffen und ich ein Interview mit ihm führen könnte. "Ja, warum nicht, können wir machen", hat er geantwortet. Er schaue auch, ob ein paar Mitspieler dabei sein könnten. Das war freitags.

Der Vorstand bremst – erste Einschränkungen

Am Montagnachmittag rufe ich ihn dann an und bekomme die erste Einschränkung: Naja, meint Marcel, sein Vereinsvorstand habe ihm gesagt, dass das mit dem Radiointerview keine so gute Idee wäre. Ob man Verein und Nachname der Spieler nicht weglassen könne? Ja, meine ich, geht schon. Ich sage dann eben "ein Kreisligaverein in der Nähe von Tübingen" und spreche von Marcel, Matze oder von wem auch immer. Gut, er klärt es und gibt Bescheid. Für Donnerstagabend haben wir uns verabredet.

Die Kumpels ziehen nicht mit – die Absage

Am Donnerstag früh kommt dann die SMS: Keiner seiner Kumpels will mitmachen, schreibt Marcel, und die meisten würden ihm auch abraten. Schade, schreibe ich zurück, aber wir könnten uns ja trotzdem abends treffen und alles auch nochmal besprechen. Die Antwort vier Stunden später: "Nach diesen negativen Rückmeldungen möchte ich mich erst mal lieber nicht in der Öffentlichkeit über dieses Thema äußern. Kann mir ja nur schaden."

Und genau das ist der Punkt, warum es schon zu meinen aktiven Kreisliga-Zeiten vor 30 Jahren ein Tabu-Thema war und immer noch ist. Schwule Musiker, Schauspieler, Politiker – darf es alles geben und gibt es auch. Schwule Kicker darf es nicht geben. Deshalb gibt es sie auch nicht. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit. 

Homosexualität im Fußball bleibt Tabu

Warum sich dieses Tabu so hartnäckig hält, erklärt Alexander von Beyme. Er ist Journalist, Blogger und hat die schwul-lesbische Fußball-EM 2015 in Hamburg mit organisiert: "Im Amateurbereich hängt es sehr von Zufällen ab, ob man als schwuler Fußballer glücklich wird", sagt von Beyme. Hier könne es sogar sein, dass eine eingeschworene Dorf-Mannschaft toleranter sei als eine Amateur-Mannschaft in der vermeintlich aufgeklärten Stadt. Warum der Profi-Bereich aber bis heute komplett außen vor bleibt, erklärt von Beyme im kompletten SWR-Interview oben zum Nachhören.

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