Ricarda Langs Ziele an der Parteispitze

Quo vadis Grüne?

STAND
AUTOR/IN

Als Grünen-Chefin will Ricarda Lang ihre Partei nach dem verpatzten Wahlkampf in Stellung bringen. Man müsse bei Angriff und Verteidigung besser werden. Inhaltlich wagt die Parteilinke einen Spagat.

Audio herunterladen (23,2 MB | MP3)

Mit Ricarda Lang rückt bei den Grünen wohl bald eine Parteilinke an die Spitze. Eine, die schon lange ihre schwäbische Heimat Nürtingen verlassen hat, in Berlin-Neukölln lebt, auf Fotos die Regenbogen-Fahne schwenkt, als Grüne-Jugend-Sprecherin einst sagte, die Partei dürfe nicht auf Patriotismus setzen, und vorschlug, den CO2-Preis bis 2030 auf 180 Euro zu erhöhen. Ein nicht unumstrittener Bruch zu den bisherigen Realo-Grünen-Chefs Habeck und Baerbock: Sie haben die Partei in die Mitte gerückt und damit in konservativen Kreisen wählbar gemacht.

Die Grünen – ein bisschen was für alle?

Im SWR Interview der Woche erzählt Ricarda Lang, dass sie diesen Kurs beibehalten wolle. Gleichzeitig gibt sie als Ziel aus, bei Geringverdienern, Menschen ohne Hochschulabschluss, im Osten und auf dem Land zu punkten. Der Versuch eines Spagats. Die Grünen als eierlegende Wollmilchsau? Die 28-Jährige sagt dem SWR-Hauptstadtstudio: "Man darf die Frage von sozialer Sicherheit nicht gegen ökologische Nachhaltigkeit ausspielen."

Doch wie lässt sich Geringverdienern vermitteln, dass Parteikollege und Agrarminister Cem Özdemir die Landwirtschaft ökologischer machen will, und dadurch Lebensmittelpreise steigen? Ricarda Lang sieht es so: "Die Tatsache, dass für viele Menschen Lebensmittelpreise nicht mehr gut bezahlbar sind, liegt nicht in erster Linie daran, dass wir jetzt eine ökologische Landwirtschaft vorantreiben, sondern daran, dass viele Menschen zu wenig verdienen." Ziel sei es deshalb, ein soziales Netz zu spannen – mit der Kindergrundsicherung und einem Mindestlohn von 12 Euro.

Ricarda Lang von Bündnis 90Die Grünen spricht bei der Delegiertenkonferenz der Grünen Jugend in ein kabelloses Mikrofon, das sie in der Hand hält. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Kay Nietfeld)
Ricarda Lang bei einer Delegiertenkonferenz der Grünen Jugend - damals noch als stellvertretende Bundesvorsitzende und frauenpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen. picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Vertrauen auf dem Land aufbauen

Ganz geklappt hat dieser Ansatz zumindest im letzten Bundestagswahlkampf nicht. In Langs Wahlkreis Backnang/Schwäbisch-Gmünd landeten die Grünen bei rund elf Prozent – hinter FDP und AfD. Auf dem Land will Lang jetzt Vertrauen aufbauen. Wirtschaftsminister Robert Habeck und Agrarminister Cem Özdemir sollen beweisen, dass grüne Politik machbar sei – und auch vor Ort funktioniere, so Lang.

An der Spitze soll und will Ricarda Lang auch den verpatzten Wahlkampf aufarbeiten. Sie setzt auf Aufrüstung. "Wir müssen stärker werden beim Thema Angriff und Verteidigung." Zwar sei es schön, wenn man Politik nicht als Schlachtfeld verstehe und sich nicht die ganze Zeit in Verteidigungshaltung befinde. Doch auch die Parteilinke Lang weiß, dass das nicht immer möglich ist: "Wir haben gemerkt, dass wir schneller reagieren müssen, wenn wir als Grüne angegriffen werden."

Untreue-Ermittlung: In der Defensive

Beim Thema Untreue bleibt Lang in der Defensive. Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Bundesvorstand wegen des Anfangsverdachts der Untreue – es geht um Corona-Boni, die der Vorstand nach interner Prüfung zurückgezahlt hat. Die Grünen hielten still – bis Medien darüber berichteten. Lang verteidigt: "Mit so etwas geht man natürlich nicht in die Bundespressekonferenz". Aus Respekt vor dem Verfahren. Was sie mit dem Geld gemacht hat, bevor sie es zurückgezahlt hat? "Gar nichts Besonderes. Das kann ich nicht sagen."

STAND
AUTOR/IN