„Sie nehmen das achselzuckend zur Kenntnis“- Deutscher in der Ukraine über Reaktionen auf NATO-Gipfel

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Autor/in
Jonathan Hadem

Beim NATO-Jubiläums-Gipfel in Washington ist auch der ukrainische Präsident Selenskyj. Die Ukraine gehört dem westlichen Verteidigungsbündnis nicht an, und doch wurde Selenskyj weitere Unterstützung im Kampf gegen den Aggressor Russland versprochen. Wie das alles bei den Menschen in der Ukraine ankommt, das hat SWR-Aktuell-Moderator Jonathan Hadem den Schriftsteller Christoph Brumme gefragt. Er lebt in Poltawa in der Ukraine.

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SWR Aktuell: Nehmen die Menschen in der Ukraine diesen Nato-Gipfels, zu dem auch ihr Präsident gereist ist, eigentlich überhaupt wahr?

Christoph Brumme: Man hat gehört, das schöne Reden zum Geburtstag gehalten wurden. Es heißt im Abschlusskommunique: Die Zukunft der Ukraine ist in der NATO. Das hört man natürlich gern. Aber man weiß nicht, wann und unter welchen Umständen solch eine Mitgliedschaft möglich sein wird. Deswegen nimmt man das mehr oder weniger achselzuckend zur Kenntnis.

SWR Aktuell: Es ist tatsächlich in den täglichen Gesprächen mit den Menschen in der Ukraine gar nicht so Thema?

Brumme: Es ist kein großes Thema. Man nimmt zur Kenntnis, was Selenskyj dazu sagt, wie er sich zu den F-16 äußert.  Das Thema macht die Ukraine sowieso schon ziemlich müde, weil die ja schon eigentlich vor einem Jahr versprochen worden war, die Lieferung immer wieder verzögert worden war. Ich würde sagen: Es gibt eine große Distanz zwischen ukrainischer und westlicher Öffentlichkeit.

SWR Aktuell: Die F-16-Kampfjets sollen aber jetzt ja tatsächlich auch geliefert werden. Besteht denn die Hoffnung, dass solche Angriffe wie auf das Kinderkrankenhaus in Kiew irgendwie verhindert werden könnten, vielleicht auch durch die Patriot-Systeme, die jetzt auch noch dazu kommen?

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, sitzt in einem F-16-Kampfjet auf dem Luftwaffenstützpunkt Skrydstrup.
F16-Kampfjets für Ukraine – Wo steht Deutschland?

Brumme: Genau das ist die entscheidende Frage, die die Ukrainer auch stellen: Können solche Kriegsverbrechen in Zukunft verhindert werden? Und zum Thema F-16: Wie viele Kampfflugzeuge werden denn geliefert? Die Russen setzen jeden Tag 300 Kampfflugzeuge ein. Die Ukraine bekommt jetzt vielleicht 20, vielleicht in Zukunft 50. Aber es bleibt eine numerische Überlegenheit der Russen. Und im Westen diskutiert man darüber, ob diese paar Kampfflugzeuge den Krieg entscheidend ändern können. Das ist ja auch grotesk.

SWR Aktuell: Das heißt, die Moral in der Ukraine schwindet langsam, so ein bisschen? Es klingt gerade so ein bisschen so, wie Sie es erzählen.

Brumme: Moral und Durchhaltewillen sind natürlich nach wie vor stark, weil es keine Alternative gibt. Aber man versteht nicht das Zögern des Westens, warum der Westen nur halbherzig hilft. Ich meine, es ist ein genozidaler Vernichtungskrieg, der im nächsten Nachbarland stattfindet. Und den Ukrainern mangelt es zum Beispiel bei der Luftverteidigung auch an kleineren Waffen, wie Stinger [leichte Flugabwehrraketen, die von der Schulter aus gestartet werden können, d.Red.]. Ich war neulich im Donbass, habe mit Sanitätsoffizieren gesprochen. Die sagen, wir werden quasi bei jedem Rettungseinsatz beschossen, und zwar meistens von russischen Jagdflugzeugen. Früher hatten sie es Stinger, um die abzuwehren. Die haben sie jetzt nicht mehr, oder es fehlt an Nachtsichtgeräten. Menschen sterben, weil die Soldaten nicht genug Nachtsichtgeräte haben. Die Ukraine hat mehr als 50 wirtschaftlich starke Partnerländer, und man schafft es nicht, die Soldaten mit ausreichenden Ferngläsern zu versorgen.

SWR Aktuell: Jetzt ist ja Präsident Selenskyj auch bei diesem NATO-Gipfel dabei. Dabei tritt er auch manchmal ein bisschen forsch auf, manchmal aber auch zurückhaltend. Unterstützt denn eine Mehrheit der Ukraine ihren Präsidenten darin, wie er sich gegenüber dem Westen verhält?

Brumme: Nach offiziellen Umfragen unterstützen etwa 60 Prozent weiterhin Selenskyj. Aber die Skepsis in der Bevölkerung ist natürlich groß. Vor allem sagen viele, seine Innenpolitik sei zu liberal und Poroschenko wäre strenger gewesen. Und auch das Mobilisierungsgesetz sei zu liberal, sagen viele. Selenskyjs Auftreten im Ausland wird nicht stark beurteilt, da sieht man: er bemüht sich, was soll er machen? Viele wissen, dass auch zum Beispiel in deutschsprachigen Medien meistens falsch übersetzt wird „Selenskyj fordert“. In der Regel bittet er aber – das ist auch ein großer Unterschied.

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Jonathan Hadem