Raumflug von Matthias Maurer: Ex-Astronaut Thomas Reiter fiebert mit

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Arne Wiechern
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Stefan Eich

Nach Alexander "Astro Alex“ Gerst fliegt am Sonntag um 7:21 Uhr wieder ein Deutscher zur ISS. Matthias Maurer aus dem Saarland wird sechs Monate lang Experimente in der Schwerelosigkeit machen, und natürlich auch viele, viele Interviews führen. Warum man beim Zuschauen aufgeregter ist als wenn man selbst in der Raumkapsel sitzt, erklärt der ehemaligen Astronauten und bisherigen ESA-Koordinator Thomas Reiter im SWR-Aktuell-Gespräch mit Arne Wiechern.

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SWR: Ihr letzter Flug ins All ist jetzt knapp 15 Jahre her. Wie werden Sie den Countdown am Sonntag erleben? Fühlt man sich da wieder so ein bisschen wie in der Kapsel?

Der deutsche Astronaut Thomas Reiter hantiert 2006 an Bord der Internationalen Raumstation ISS. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Der deutsche Astronaut Thomas Reiter hantiert 2006 an Bord der Internationalen Raumstation ISS. Picture Alliance

"Kribbelt im Bauch"

Thomas Reiter: In der Tat! Das kribbelt im Bauch, wenn man das miterlebt. Ich werde die ESA bei einer Veranstaltung in Berlin unterstützen, werde es also gewissermaßen live aus erster Hand mitbekommen. Und ich muss sagen, es ist immer bisschen einfacher, wenn man selbst in so einer Rakete drinsitzt, dann ist man mitten im Geschehen, als wenn man zuschaut. Da ist man zum Nichtstun, zum Beobachten verdammt, und das ist immer etwas spannender.

Sie haben selbst sowohl den Start in einer Sojus-Kapsel erlebt als auch im Space Shuttle. Matthias Maurer wird jetzt in einem Crew Dragon von Space X sitzen. Inwiefern könnte dieser Start anders sein, als es bei ihren Erfahrungen der Fall war?

Also, da bin ich auf die Berichte von Matthias natürlich gespannt. Grundsätzlich kann man sagen: Vom Abheben bis man im Orbit angelangt ist, vergehen auch bei dieser Falcon-9-Rakete ungefähr so knappe 9 Minuten. Das, was dann zwischendrin passiert, das wird interessant sein: Welche Beschleunigungen lasten da auf dem Körper? Eine Sojus beispielsweise hat drei Stufen, das heißt, während dieser knapp 9 Minuten fühlt man also dreimal einen kräftigen Ruck, bevor die Schwerelosigkeit eintritt, während die Falcon-9- Rakete ebenso wie das Shuttle im Prinzip zwei Stufen hat. Also da gibt es nur einmal einen kräftigen Ruck, dann tritt die Schwerelosigkeit ein. Im Großen und Ganzen wird das aber ähnlich ablaufen. Also es geht ruckzuck von der Erdoberfläche, bis man auf eine Geschwindigkeit von etwa 28.000 Kilometern pro Stunde beschleunigt hat und in etwa 200 Kilometern über der Atmosphäre ist.

Maurers Mission hat er den klangvollen Namen „Cosmic Kiss“ und soll laut ESA-Eigenwerbung eine Liebeserklärung an die Raumfahrt sein. Am offiziellen Musikvideo hat Peter Schilling mitgearbeitet. Die Älteren von uns kennen ihn noch durch die Neue Deutsche Welle mit seinem Song „Major Tom“. Ein wenig macht es den Eindruck, dass gerade die PR immer größeren Raum einnimmt in der Raumfahrt. Was steckt dahinter?

Ja, das ist in der Tat richtig, wenn ich jetzt mal vergleiche, welche Aktionen wir seinerzeit vor 20, 25 Jahren gemacht haben, im Vergleich zu dem, was heute der Alexander Gerst und jetzt auch der Matthias Maurer machen, wird natürlich auch größerer Fokus auf die Öffentlichkeitsarbeit gelegt. Und da ist es naheliegend, dass man diese Hobbys ausübt, die man ohnehin hat, also Musik hören. Ich hatte auch während meiner Mission meine Lieblingsmusik dabei. Und da versucht man eben auf die Art und Weise junge und auch alte Menschen vielleicht für diese ganze Technik, für diese ganze Wissenschaft mitzubegeistern. Und da spielen gerade solche Dinge, wenn dann solche Musiker wie Peter Schilling eingebunden werden, eine ganz entscheidende Rolle.

Auf Maurer warten ja etwa hundert verschiedene Experimente zu Bereichen wie Gesundheit oder auch Materialforschung, davon allein 36 aus Deutschland. Er soll ja also nicht nur Sympathieträger sein, sondern es geht auch tatsächlich um handfeste Wirtschaftsinteressen, Forschungsinteressen. Lassen sich da Zahlen nennen, was so ein deutscher Astronaut im All wert ist?

Ja, also, ich denke, wenn Sie jetzt fragen, was ist das wert, erwarten Sie irgendwie einen Preisschild für sowas zu machen…

Vielleicht…

Ich kann Ihnen sagen, dass wir, seit die ISS im Orbit ist, insgesamt -also alle internationalen Partner- über 3.000 wissenschaftliche Untersuchungen in diesem weiten Spektrum gemacht haben, davon etwa 400 aus Europa. Der Matthias wird natürlich auf diesem Weg weitergehen, wird viele Aufgaben zu tun haben. Was ich Ihnen aber sagen kann, ist, dass die ESA, die europäische Raumfahrtagentur, im Jahr etwa sechseinhalb Milliarden an Budget hat. Das sind pro Kopf in Europa nicht mal 15 Euro. Und davon gehen etwa zehn Prozent in die bemannte Raumfahrt, also in das, was jetzt auch der Matthias macht. Also nicht mal 1,50 Euro, was für diese Forschung da investiert wird und ich denke, wenn man da Verhältnis von Aufwand zu Nutzen sieht, dann ist das ganz klar zum Vorteil des Nutzens.

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