Personalmangel in Deutschland

Müssen wir alle mehr arbeiten, Herr Heil?

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Jim-Bob Nickschas

Das aktuelle Chaos an den Flughäfen ist nur die Spitze des Eisbergs: In vielen Branchen in Deutschland fehlt Personal. Ist eine längere Wochenarbeitszeit die Lösung?

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"Wir hoffen, dass es klappt!" Auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und seine Familie wollen in diesem Sommer in den Urlaub fliegen, verrät er im SWR Interview der Woche. Dass zurzeit an vielen Flughäfen wegen fehlenden Personals Chaos herrscht, verärgert ihn: In der Pandemie habe man der Luftfahrtbranche mit Wirtschaftshilfen unter die Arme gegriffen, auch mit dem Instrument der Kurzarbeit. "Aber offensichtlich sind dennoch Leute entlassen worden (…), da ist vieles schief gelaufen!", findet Heil.

Wenn nun Hilfskräfte aus dem Ausland, zum Beispiel bei der Gepäckabfertigung, an deutschen Flughäfen helfen sollen, will Heil kein Lohn-Dumping zulassen. "Die müssen festangestellt und nach Tarif bezahlt werden, weil das harte Arbeit ist. Sie brauchen außerdem menschenwürdige Unterkünfte, wir werden das auch kontrollieren!" Ob diese Maßnahme gegen das Chaos an den deutschen Airports helfen wird, das liege in der Verantwortung der Luftfahrtunternehmen.

Mehr Frauen aus Teilzeitjobs holen?

Den sich ausweitenden Fachkräftemangel in Deutschland will der Arbeitsminister auf mehreren Wegen bekämpfen: Zum Beispiel hätten 1,3 Millionen Menschen zwischen 20 und 30 Jahren keine Ausbildung, ihnen will Heil durch Weiterbildung eine zweite Chance geben. Es brauche auch qualifizierte Zuwanderung aus dem Ausland – damit das klappt, will Heil im Herbst zusammen mit Bundesinnenministerin Nancy Faeser ein Gesetz für ein moderneres Einwanderungsrecht vorlegen, kündigt er im SWR-Interview an.

Forderungen nach einer verlängerten Wochenarbeitszeit, um den Personalmangel auszugleichen, weist Heil dagegen zurück: "Das ist aus meiner Sicht nicht die Lösung der Probleme!" Ein modernerer Weg sei zum Beispiel, den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in ganz Deutschland umzusetzen. "Wir haben eine Generation unglaublich gut ausgebildeter Frauen in Deutschland (…) aber nach wie vor arbeiten sie sehr oft in Teilzeit", so Heil. Da gebe es ein riesiges Potenzial.

SWR-Korrespondent Jim-Bob Nickschas und Hubertus Heil stehen nebeneinander in der Halle im Hauptstadtstudio in Berlin und lächeln in die Kamera (Foto: SWR)
SWR-Korrespondent Jim-Bob Nickschas und Hubertus Heil im Hauptstadtstudio in Berlin

"Influencer ist eher kein Ausbildungsberuf"

Dass Tausende Jugendliche in Deutschland nach der Schule keinen Job finden, liegt für Heil auch an einem gesellschaftlichen Trend hin zu einem Studium. "Das führt nicht immer zu Abschlüssen", glaubt der Arbeitsminister – und wirbt für eine Ausbildung im Handwerk. Das Land brauche nicht nur Master, "sondern auch viele Meister!"

Und wie sieht es mit Influencern bei Social Media aus? "Das ist eine Erscheinung, eher kein dualer Ausbildungsberuf", lacht Heil. "Bei aller Sympathie für Influencer: Wir müssen aufpassen, dass wir auch gute Rollenvorbilder haben. Ich würde mir wünschen, dass vielleicht auch mal eine coole Kfz-Mechatronikerin in Erscheinung tritt oder ein Polizist. Wir haben so viele, tolle Berufe!"

Neues Rentengesetz noch dieses Jahr

Heil kündigt im SWR-Interview zudem an, noch in diesem Jahr ein Gesetz zur dauerhaften Stabilisierung des Rentenniveaus vorzulegen – auch um Generationengerechtigkeit herzustellen, wenn ab 2025 die sogenannten Babyboomer in den Ruhestand gehen. Für Heil eine große Herausforderung: "Ich sage nicht wie Norbert Blüm ‚Die Rente ist sicher‘. Wir haben verdammt hart zu arbeiten, dass sie sicher und stabil bleibt."

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Jim-Bob Nickschas