Ostdeutschland ist ein Ort für "Macher"

"Ich habe es geschafft, als Kind aus dem Plattenbau."

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Strukturell habe Ostdeutschland noch immer wirtschaftlichen Nachholbedarf. Deshalb brauche es sein Amt auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, sagt der neue Ostbeauftragte der Bundesregierung. Aber der Osten habe etwas, was es sonst in Deutschland nicht so oft gebe. "Die wollen noch richtig was bei uns," sagt Carsten Schneider (SPD) im SWR Interview der Woche.

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"Die die Bock haben was zu machen, die müssen in den Osten gehen!"

Der Osten Deutschlands habe noch immer wirtschaftlichen Nachholbedarf, sagt der neue Ostbeauftragte der Bundesregierung, Carsten Schneider, im SWR Interview der Woche. Das Bruttoinlandsprodukt liege im Osten bei rund 80 Prozent und auch die Löhne seien immer noch deutlich niedriger. Aber der Osten habe neben schönen Landschaften oder vielen freien Flächen vor allem motivierte Leute. "Wir haben noch etwas, was es in Deutschland nicht so oft gibt", sagt Schneider: "Die Leute wollen noch richtig was bei uns. Es ist ein Unterschied, ob man auf Rosen gebettet geboren wurde und irgendwie alles geerbt hat, oder ob man weiß, wie es ist, kurz vor der Arbeitslosigkeit zu stehen. Dann dreht man sich auch ein bisschen schneller."

Nachwendezeit prägender für Identifikation als DDR-Jahre

Die Erfahrung, dass "einem wirklich der Boden unter den Füßen weggerissen worden ist", die hätten viele im Osten gemacht. Deshalb seien für die Ost-Identität auch die 30 Jahre nach der Wiedervereinigung prägender gewesen als die Zeit der DDR. In den 1990er Jahren seien viele junge, gut ausgebildete Leute in den Westen gegangen, die dort substanziell zur Stärke des Landes beigetragen hätten. Jetzt aber kämen einige zurück in den Osten, sagt Schneider. Die Leute nutzten heute z.B. die Vorteile in Cottbus einer gut organisierten Stadt, die hervorragende Kinderbetreuung und zunehmend gäbe es auch gute Jobs. Und die Bundesregierung bemühe sich auch, gemeinsam mit den Landesregierungen, größere Arbeitgeber in die Region zu holen. Der Chip-Hersteller Intel sei ein Beispiel dafür.

"Ich möchte nicht so eine Jammerstimmung haben."

Wichtig sei, dass es eine gute Stimmung gebe, meint Schneider. "Ich möchte nicht so eine Jammerstimmung". Es solle auch nicht immer nur negativ und holzschnittartig über den Osten berichtet werden, von denen, die "immer nur die Hand aufhalten". Das sei falsch, betont Schneider. Auch sei er "weit davon entfernt", Probleme mit Rechtsextremisten und Faschisten zu "verniedlichen". Das sei ein Thema in Ostdeutschland, das er immer direkt anspreche. Er sei ein "Freund der Aufklärung", aber er bringe das auch mit ökonomischen Fragen zusammen, erklärt der Bundestagsabgeordnete, der seinen Wahlkreis in Erfurt hat. In vier, fünf Jahren gingen auch im Osten viele aus dem Arbeitsmarkt raus in Rente und Ruhestand. Dann sei niemand mehr da, der "in der Apotheke arbeite, als Arzt oder auch nur als Müllfahrer". Er mache den Leuten immer wieder klar, dass sie sich die Chancen nehmen, wenn sie keine Fremden aufnehmen wollten. "Wenn niemand da ist, geht ihr unter.", da sei er ganz klar und setze auf "klare Kante", meint Schneider.

"Ich habe das geschafft – als Kind aus dem Plattenbau."

In weiten Teilen Ostdeutschlands fehle zivilgesellschaftliches Engagement. Schneider sagt, das müsse aber auch von den Leuten selbst kommen. Man könne "nicht alles fördern". Vielen sei gar nicht klar, welche Möglichkeiten der Mitbestimmung es in Deutschland gebe. Ein Beispiel sei der Musiker Clueso. Er komme aus dem gleichen Plattenbau, sei Jahre in Köln gewesen und jetzt nach Erfurt zurückgekommen. Wenn Leute wollten, dass Erfurt eine schöne Stadt bleibe, in der sich auch die Kumpels aus anderen Ländern wohlfühlten, dann müsse man auch selbst etwas tun. Schneider betonte: "Wie wäre es denn mal, für den Stadtrat zu kandidieren und das nicht irgendwie nur der AfD zu überlassen oder den Rentnern." Es gebe kein politisch durchlässigeres System als das deutsche. Er sei das beste Beispiel dafür, sagt Schneider. "Meine Eltern waren überhaupt nichts, weder zu DDR-Zeiten noch danach. Und ich habe das geschafft, als Kind aus dem Plattenbau." Und das sei nicht das einzige Beispiel. Reem Alabali-Radovan, geboren in Moskau mit irakisch-stämmigen Eltern habe in Schwerin das Direktmandat geholt und sei heute Staatsministerin. Auch Karamba Diaby, der ursprünglich aus Afrika stamme, sei in Halle direkt gewählt worden. "Das meinte ich eben", erklärt Schneider: "Der Osten ist durchaus auch noch für Überraschungen gut".

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