Ohne Würgen in den Urlaub: Tipps gegen Reiseübelkeit

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AUTOR/IN
Lothar Zimmermann

In Rheinland-Pfalz ist morgen letzter Schultag - in Baden-Württemberg beginnen die Sommerferien am Donnerstag in der kommenden Woche. Viele starten dann in den Urlaub. Egal ob im Auto, im Flugzeug oder auch auf dem Schiff: Überall kann einem schlecht werden. Reiseübelkeit kann man überall dort bekommen, wo es hoch und runter oder hin und her geht. Woher das kommt und was man dagegen machen kann, erklärt der Arzt und Journalist Lothar Zimmermann im Gespräch mit SWR-Aktuell-Moderator Andreas Böhnisch.

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SWR: Wie genau entsteht Reiseübelkeit?

Lothar Zimmermann: Man muss sich vorstellen, dass unser Gehirn überfordert ist. Wenn wir auf dem Schiff sind, und wir sind in einem Raum unter Deck, merken wir, dass wir auf der einen Seite wahrnehmen über die Augen: Wir sind in einem Zimmer. Gleichzeitig meldet unser Gleichgewichtsorgan: Nee, nee, das ist kein Zimmer! Wir sind irgendwo, wo es deutlich wackelt, möglicherweise auf See. Jetzt muss das Gehirn diese beiden widersprüchlichen Informationen verarbeiten. Und man vermutet, dass das Gehirn das nicht auf die Reihe bekommt. Und da das an Vergiftungssymptome erinnert, also wenn ich etwas Falsches oder sogar Gift gegessen habe, dann wird es mir ja auch übel, weil die Sinneseindrücke nicht mehr miteinander übereinstimmen. Dann reagiert der Körper so: Bloß weg mit diesem Gift, alles aus dem Körper raus, was gefährlich sein könnte. Und dann kommt es zum Erbrechen. So kann man sich das vorstellen, wie Reiseübelkeit entsteht. Und deswegen ist es auch ganz wichtig, dass ich, wenn ich in Urlaub fahre und irgendwo im Bus sitze, nicht gleich nebenher noch Videos anschaue. Wenn es mir eh schon schlecht wird und ich habe dann noch zusätzliche Eindrücke, dann weiß das Gehirn eigentlich gar nicht mehr, was richtig passiert. Alles ist in Bewegung, und manches steht - nämlich der Bus-Innenraum. Das bekommt das Gehirn dann nicht mehr auf die Reihe und reagiert mit Übelkeit.

Also keine Videos beim Busfahren gucken! Was hilft sonst noch gegen Reiseübelkeit?

Wenn man im Bus fährt, dann ist es natürlich wichtig, dass man einen Platz hat, wo man nach vorne auf den Horizont schauen kann. Dass man nicht so wahnsinnig abgelenkt ist und sich nicht richtig konzentrieren kann auf das, was vor einem ist. Im Flugzeug, sagt man, sollte man am besten in der Mitte sitzen und dem Schiff am besten an einem ganz ruhigen Punkt auch in der Mitte. Das ist schon in der Vorbereitung wichtig, dass ich den richtigen Platz auswähle. Im Auto, das wissen wir alle, gehen wir am besten auf den Beifahrersitz. Autofahrern wird es nämlich in der Regel nicht schlecht, denn die konzentrieren sich auf das, was sie tun. Und wenn ich mich stärker konzentriere auf das, was passiert, ist es auch besser, als wenn ich von allen Ecken und Enden abgelenkt werde

Wenn es aber dann doch ganz schlimm wird: Welche Medikamente können Sie empfehlen, damit man die Autofahrt, die Busfahrt oder auch die Fahrt auf dem Schiff gut übersteht?

Es gibt Antihistaminika, die gehören aber zu den Müdemachern. Jemand, der ein Fahrzeug fährt, darf die nicht nehmen. Die sollte ich vor der Reise einnehmen, es gibt sie auch als Kaugummi. Dann kann ich sie tatsächlich während der Reise, wenn es mir übel wird, noch einnehmen. Für die schweren Fälle, beispielsweise für eine stürmische Seefahrt, kann man Scopolamin-Pflaster nehmen. Die sind verschreibungspflichtig, und da wird der Wirkstoff über einen Pflaster, das hinter das Ohr geklebt wird, aufgenommen und dämpft dann im Gehirn diese Übelkeitswahrnehmung. Ich habe das selbst mal erlebt bei einer sehr, sehr stürmischen Schiffsfahrt – und ich bin absolut nicht seetüchtig. Auf einmal konnte ich bei Windstärke Sieben oder Acht die Treppe hoch gehen - und alles schwankte, und ich fand es lustig, während Stühle umfielen. Also, da habe ich dann tatsächlich gedacht: Tolles Pflaster! Allerdings hat es auch eine Nebenwirkung: Ich habe einen ganz trockenen Mund, und die Pupillen werden weit. Man kauft sich also auch wieder Nebenwirkungen mit ein. Aber wenn jemand eine Schiffsreise oder eine Überfahrt machen muss, und weiß: Es kommt eine stürmische See, dann kann so was echt helfen. Und wer schon mal wirklich reisekrank war auf See -ich hatte das auch schon- , der hat oftmals das Bedürfnis nur noch hier raus, nur noch sterben. Und das ist ein ganz, ganz grauenvolles Gefühl. Und wenn man das vermeiden kann, dann ist es natürlich schon sehr viel wert.

Gerade jetzt, da es sehr heiß ist, kommt zur Reiseübelkeit bei vielen auch noch das Problem mit dem Kreislauf hinzu. Das ist ja beinahe programmiert, wenn es im klimatisierten Auto 21 Grad kühl ist, draußen aber über 30 Grad heiß. Was passiert mit dem Körper beim Aussteigen?

Zum einen sollte man nach Möglichkeit die Temperaturunterschiede zwischen innen und außen auf acht Grad begrenzen. Das ist natürlich an einem Tag mit 38 Grad schwierig. Aber man muss sich klarmachen, dass ich tatsächlich in einer kühlen Zone bin. Und die Gefäße im Körper sind noch nicht so weit. Dann steige ich aus, und dann ist die Hitze da. Dann versucht der Körper diese Wärme, die im Körper ist, um die Körperkerntemperatur von 37 Grad aufrechtzuerhalten, möglichst schnell wieder abzugeben und erweitert die Gefäße. Das heißt, der Kreislauf, der Blutdruck, der sinkt ab. Ich komme von einer Klimazone auf die andere und bin da vollkommen unvorbereitet. Wenn ich Kreislaufprobleme habe, wenn ich Herzprobleme habe, sollte ich tatsächlich das vorausdenken und langsam machen. Also: Nicht denken, jetzt steige ich einfach aus dem Auto aus, jetzt renne ich mal schnell in der Gegend rum. Ich sollte tatsächlich erst mal ganz langsam rausgehen und gucken: Wie geht es mir, und dem Körper auch die Zeit geben, mich an, die neue Klimazone zu gewöhnen. Das ist ein ziemlicher Stress für den Körper. Junge Menschen können das sehr viel besser wegstecken als ältere Menschen, weil alles im Körper in der Jugend natürlich besser funktioniert. Man sollte darauf achten. Denn so eine Temperatur von weit über 30 Grad, das ist sehr, sehr belastend für das Herz und Kreislaufsystem. Das Herz muss auch sehr viel mehr arbeiten. Und letztendlich nehmen auch die Herzinfarkte bei Hitze zu.

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Lothar Zimmermann