"Man darf seine Freunde in der Not nicht verlassen." Deutscher Schriftsteller bleibt in der Ukraine

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Sofort aus der Ukraine ausreisen - das ist der Rat des Auswärtigen Amtes an alle Deutschen in dem Kriegsland, also auch an Christoph Brumme. Er ist Schriftsteller und Essayist, kommt aus Wernigerode in Sachsen-Anhalt und bereist die Ukraine seit mehr als 20 Jahren. Allein auf dem Fahrrad hat er über 30.000 Kilometer in der Ukraine zurückgelegt, er hat das Buch "111 Gründe, die Ukraine zu lieben" geschrieben. Er lebt mit seiner ukrainischen Frau seit sechs Jahren in Poltawa im Zentrum des Landes. Warum er trotz des Krieges bleibt, hat er im Gespräch mit SWR-Aktuell-Moderator Jonathan Hadem erklärt.

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SWR: Vor über einer Woche hat das Auswärtige Amt alle Deutschen in der Ukraine aufgerufen, das Land zu verlassen. Warum bleiben Sie?

Christoph Brumme: Einerseits bin ich der Meinung, dass man seine Freunde in der Not nicht verlassen darf. Und andererseits habe ich immer noch die Hoffnung, dass die Russen nicht bis Poltawa durchkommen. Die großen Kämpfe, die harten Kämpfe, die brutalen Kämpfe finden ja 150 Kilometer weiter nördlich statt. Und ich habe immer noch die Hoffnung, dass der Krieg endet, dass die Ukrainer siegen werden.

Aber die umkämpfte Stadt Charkiw, die Sie gerade angesprochen haben, die ist, wie Sie sagen, 150 Kilometer weit entfernt. Ich würde sagen, die ist 150 Kilometer nahe. Befürchten Sie nicht, dass die russischen Truppen doch irgendwann auch nach Poltawa vordringen?

Ja, natürlich fürchte ich das. Und es sind ja nicht nur Truppen, die man fürchten muss. Man muss ja auch Beschuss durch Raketen fürchten. Jede Minute kann die Stadt hier beschossen werden.

Und trotzdem bleiben Sie…

Ja, ich bleibe. Wie gesagt: Einerseits habe ich die große Hoffnung, dass die Russen nicht bis Poltawa durchkommen, und der andere Punkt ist: Es würde mir im Moment sehr schwer fallen, nach Deutschland zu kommen und unter Deutschen zu leben. Nachdem, was in den letzten acht Jahren ja von Deutschland verweigert wurde, dass wir immer wieder aufgefordert wurden, den brutalen Diktator in Russland nicht zu provozieren, keine Generalmobilmachung zu machen und uns nicht auf den Angriffskrieg vorzubereiten.

5.000 Helme statt "richtiger" Militärhilfe

Stattdessen hat Deutschland uns 5.000 Helme geschickt, nicht mal in Kindergrößen, und auch nur bis Polen geschickt. Die sollen wir uns selbst abholen! Also unter solchen Menschen jetzt zu leben, würde mir sehr, sehr schwerfallen.

Auch wenn der Krieg derzeit noch nicht bei ihnen vor der Haustür tobt, wie ist denn das Leben gerade in Poltawa?

Es ist natürlich viel, viel weniger Menschen in der Stadt, es ist schwer zu schätzen, wie viele. Etwa zehnmal weniger Menschen sind auf den Straßen im Vergleich zu sonst, die sind natürlich in ihren Häusern und bereiten sich darauf vor, dass die Stadt belagert wird. Die Keller werden geöffnet, man kauft Produkte so viel wie möglich. Die Verteidigung der Stadt wird vorbereitet - ja, es ist alles sehr schwierig. Man liest in den Gesichtern Gefühle, die man nie gelesen hat. Es ist schlimm, natürlich – schlimm, schlimm, schlimm!

Immer wieder schreckliche Geschichten

Wie erleben denn die Menschen in ihrem Freundes und Bekanntenkreis in der Ukraine die Situation? Sie haben ja auch Kontakte zu Menschen in Kiew und die sind ja direkt betroffen.

Im Moment habe ich keine Kontakte nach Kiew. Alle Menschen, die noch dort kannte, sind weggereist, und hier in unserer Stadt, in Poltawa, sind noch fast alle meine Freunde. Und wir sind auch bedrückt. Wir lesen unaufhörlich Nachrichten. Wir sind schockiert. Da trudeln natürlich immer wieder schreckliche Geschichten ein. Gestern erzählte mir eine Freundin von ihrer Bekannten, einer Frau mit zwei Kindern, die jetzt keine Medikamente kaufen kann, lebenswichtige Medikamente. Das sind ja auch Folgen des Krieges.

Der Westen hat mit bemerkenswerten Schritten reagiert. Die Sanktionen gegen Russland wurden innerhalb weniger Tage verhängt. Die Solidarität vieler Länder mit der Ukraine ist groß, auch wenn das jetzt ein bisschen entgegen dem steht, was sie vorhin geschildert haben. Wie kommt all das bei den Menschen in der Ukraine an?

"Solidarität mit den Ukrainern ist nicht die erste Motivation des Westens"

Das wird natürlich mit großer Erleichterung aufgenommen, dass endlich im Westen das Selbstverständliche getan wird, dass dieser abgrundtiefe Pazifismus beendet wird. Dass man endlich wieder unterscheiden kann zwischen Gut und Böse und nicht an diese kommunikative Vernunft glaubt, und glaubt, man könnte mit einem brutalen Massenmörder verhandeln und Abmachungen und Verträge abschließen. Das ist verrückt einfach. Der Westen lernt jetzt sehr schnell, aber erst in dem Moment, wo er selber bedroht ist. Ich sehe nicht als erste Motivation Solidarität mit den Ukrainern.

Sondern?

Selenskij, der ukrainische Präsident, hat immer wieder gesagt: Der Krieg wird nicht auf die Ukraine begrenzt sein, der kommt auch zu euch, Freunde! Und jetzt, wo Putin mit Atomwaffen droht, auch dem Westen unverhohlen droht, da setzt die große Solidaritätswelle ein. Da hofft man, dass die Ukrainer Widerstand leisten für euch im Westen, für eure Freiheit! Entschuldigung, ich bin manchmal emotional…

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