Giulia Silberberger, Gründerin und Geschäftsführerin, der Organisation "Der goldene Aluhut" im Interview. (Foto: SWR)

Szenen-Kennerin zu Xavier Naidoos Entschuldigung

"Die Verschwörungstheoretiker-Szene verlässt man nicht über Nacht"

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Xavier Naidoo will sich von den Verschwörungstheoretikern gelöst haben. Die Szene selbst reagiert darauf mit neuen Verschwörungsmythen. Eine Expertin erzählt.

In einem Video distanziert sich der Sänger aus Mannheim von seinen Verschwörungserzählungen und entschuldigt sich. Wie ernst Naidoos Botschaft zu nehmen ist, darüber spricht Giulia Silberberger im SWR-Interview. Sie ist Gründerin der Organisation "Der goldene Aluhut" und klärt über Verschwörungsmythen auf.

SWR Aktuell: Was bedeutet das für die Verschwörungstheoretiker-Szene, wenn sich jemand Prominentes wie Xavier Naidoo jetzt so medienwirksam aus genau dieser Szene verabschiedet?

Giulia Silberberger: Die Frage ist, ob er sich schon aus dieser Szene verabschiedet hat. Wir sind gespannt, was da noch alles kommt. Die Szene selbst ist jedenfalls völlig aufgescheucht. Es haben sich innerhalb der ersten Stunden schon wieder erste Verschwörungserzählungen um diese Story gebildet. Die Leute schreiben beispielsweise auf Telegram oder auf Facebook, es könnte eventuell ein Hologramm sein oder ein Klon, oder dass er von der Regierung entführt und gezwungen wurde, das zu sagen. Attila Hildmann erklärte in einem Statement, er sei ein Verräter. Und wieder andere vermuten, dass das Video computergeneriert sei, also ein sogenannter Deep-Fake, und dass Naidoo selbst überhaupt nicht in dem Video gewesen sei. Es ranken sich also die verrücktesten Geschichten darum. Im Moment ist es aber noch sehr schwer einzuordnen, weil in dieser Nachricht auch ein bisschen der Inhalt fehlt.

Was sie gerade geschildert haben, klingt völlig absurd. Die Menschen, die so etwas schreiben und posten, glauben die das wirklich?

Die sind vollkommen überzeugt davon. Natürlich gibt es auch Leute, die da ein bisschen herumtrollen, die ihre Scherze machen und versuchen, die Community etwas aufzustacheln. Aber man kann wirklich sagen, dass das der Tenor ist. Man kann schon sagen: In der Szene steht das Narrativ, dass das nicht seine wirkliche Meinung gewesen sei, und dass er jetzt von der Regierung vermutlich entführt oder unter Druck gesetzt wurde, oder dass er irgendwie computergeneriert wurde.

Ist es eigentlich ein gängiger Mechanismus, dass sich um jemanden, der sich von den Verschwörungstheorien verabschiedet, selbst Verschwörungstheorien ranken? Passiert so etwas öfter?

Das passiert tatsächlich sogar jedes Mal. Das ist auch sehr spannend zu beobachten: Immer, wenn etwas passiert – entweder jemand outet sich oder jemand ist gestorben oder es ist irgendwo ein Terroranschlag passiert – dann bilden sich wirklich innerhalb von Minuten und Stunden die ersten eigenen Verschwörungserzählungen um dieses Ereignis. Dann werden auch wieder klassische Feindbilder bemüht wie die Regierung, die Illuminaten, die New World Order oder die Zionisten, also Antisemitismus - und dann wird darauf aufgebaut.

In der Vergangenheit konnten wir das auch zum Beispiel bei Terroranschlägen sehr gut beobachten: Die Communities haben sich im Minutentakt schon im eigenen Saft gar gekocht und immer wieder aufeinander aufgebaut. Dann kam ein Blogger dazwischen, der das ganze über Nacht in einen Artikel gegossen hat, mit zig-tausend verschwörungsideologischen Quellen. Dieser Artikel wurde wieder in den Communities geteilt und als Bestätigung der Argumentation herangezogen. Man bildet sich also sein eigenes Narrativ. Es entsteht so etwas, wie ein News-Zyklus – und der wird dann immer wieder neu erzählt.

Sie sagten schon, Xavier Naidoos Aussagen seien ein bisschen dünn, so dass man ihm die Läuterung vielleicht noch nicht komplett abnimmt. Was muss eigentlich geschehen, dass jemand, der so tief in dieser Szene drinsteckt, tatsächlich wieder rauskommt?

Dem geht in der Regel ein sehr langer Läuterungsprozess voraus, den man mit sich persönlich ausmacht. Ich selbst bin auch eine Aussteigerin, für diejenigen, die es nicht wissen. Ich war bei den Zeugen Jehovas ausgestiegen als ich 26 Jahre alt war. Dem ging ein jahrelanger Prozess der Selbstreflexion voraus: Man verlässt die Community, man zieht sich ein bisschen zurück, man ist nicht mehr so aktiv in den sozialen Medien, man denkt über sich selbst nach oder sucht vielleicht ein Streitgespräch mit anderen Community-Mitgliedern.

Das geht in der Regel nicht über Nacht. Diejenigen, die da vielleicht einfach über Nacht darauf kommen, das sind die ganz Glücklichen. Da ist auch die Frage, ob sie diesen Ablösungsprozess tatsächlich schon durchlaufen haben, oder ob es nur ein erstes Aufbäumen ist - dass sie sich zum Beispiel sagen: ich will da raus und ich will damit nichts mehr zu tun haben, aufarbeiten kann ich es jedoch noch später.

Für eine ehrliche Läuterungsbewertung (im Fall Naidoo) ist der Zeitraum noch ziemlich kurz. Es fehlen die Inhalte, auf die er sich in seiner Entschuldigung bezieht. Er war sehr lang in diesem Spektrum unterwegs. Er hat sehr viele Dinge geäußert, die nicht nur fragwürdig, sondern auch demokratiefeindlich und menschenfeindlich sind. Da reicht es nicht zu sagen, ja - das entspricht nicht meinen Werten, wenn man jahrelang Taten gezeigt hat, die einfach eine andere Sprache sprechen. Ich würde mir sehr gerne noch mehr Differenzierung wünschen und natürlich noch mehr Aufarbeitung.

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