Heizung runter, Geld sparen – kann man lernen, weniger zu frieren?

STAND
AUTOR/IN
Arne Wiechern

In den letzten Wochen waren die Temperaturen noch ziemlich mild, aber in den nächsten Tagen wird es deutlich kühler. Wegen der Energiekrise wollen viele aber nicht die Heizung hochdrehen - also mehr oder weniger frieren. Experte in Sachen Frieren ist Thomas Korff. Er ist Professor am Institut für Physiologie und Pathophysiologie der Universität Heidelberg.  Er hat im SWR-Aktuell-Gespräch mit Arne Wiechern erklärt, wie wir unseren Körper an Kälte gewöhnen - und was Kälte mit Erkältung zu tun hat.

Audio herunterladen (5 MB | MP3)

SWR Aktuell: Wenn es jetzt im November 19 Grad sind, dann empfinden wir das als sehr warm. Im Hochsommer würden uns 19 Grad dagegen ziemlich frisch erscheinen. Warum ist unser Temperaturempfinden so unterschiedlich?

Thomas Korff: Das liegt zum großen Teil daran, dass unsere Temperatursensoren nicht die absolute Temperatur messen, sondern den Unterschied zwischen verschiedenen Temperaturschwellen. In der Zeit, wenn wir im Sommer der Sonne exponiert sind und unsere Haut warm wird - und dann unsere Hand in Wasser mit 19 Grad halten, dann ist der Temperaturunterschied von warm zu diesen 19 Grad relativ groß, und wir empfinden es als sehr kalt. Wenn wir eine Umgebungstemperatur haben oder einer Umgebung ausgesetzt sind, die eher kälter ist, und kommen dann in eine Umgebung mit 19 Grad, empfinden wir das ganz anders. Entweder, weil die Temperaturunterschiede zu den 19 Grad sehr klein sind oder weil 19 Grad tatsächlich wärmer sind als das, was sonst wo in der Umgebung herrscht.

SWR Aktuell: Wir kennen ja die Situation aus vielen Großraumbüros: Männer sitzen im T-Shirt rum, machen die Fenster auf. Die Frauen haben dagegen dicke Wollpullis an und machen sich noch einen warmen Tee, weil ihn so kalt ist. Warum frieren Frauen denn schneller als Männer?

Korff: Es gibt gleich mehrere Gründe. Der wahrscheinlich wichtigste ist einfach, dass die Männer in puncto Wärmeproduktion den Frauen etwas überlegen sind. Das liegt einfach an der größeren Muskelmasse. Dazu kommt noch ein besseres Verhältnis zwischen Oberfläche und Volumen. Das heißt, wir strahlen relativ zu unserem Volumen weniger ab. Es ist aber unklar, wie viel das am Ende wirklich wert ist. Die Männer haben eine etwas dickere Haut, die dazu beitragen könnte, dass man etwas weniger Wärme abstrahlt. Und zum Schluss – und das ist vielleicht die Erklärung für die schneller kalt werdenden Hände oder kalten Füße der Frauen – ist, dass Frauen offenbar dann aufgrund der schnelleren Auskühlung auch schneller „zentralisieren“. Das heißt einfach, dass das Blut von Händen oder Füßen zum Zentrum des Organismus geführt wird. Und dann hat man eben schneller kalte Hände oder das Gefühl, kalte Füße zu haben. Und das ist eben rein physiologisch bedingt.

SWR Aktuell: Und wie sieht es bei den Kindern aus? Viele planschen wirklich mit blauen Lippen und klappernden Zähnen im eiskalten Wasser, sagen aber, ihnen wäre gar nicht kalt. Bemerken die die Kälte wirklich weniger als Erwachsene?

Korff: Grundsätzlich ist es bei Kindern genau das Problem, dass das Oberflächen-/ Volumenverhältnis noch schlechter ist. Und auch die Eigenwärmeproduktion ist tendenziell geringer, besonders bei Säuglingen, weshalb man bei Säuglingen besonders aufpassen muss, dass sie nicht auskühlen. Und dann haben Kinder die bemerkenswerte Eigenschaft, sich wirklich ins Spiel zu vertiefen, komplett abgelenkt zu werden von dem, was gerade dort gemacht wird - beim Ballspielen oder so- und darüber hinaus dann tatsächlich die ersten Anzeichen einer Unterkühlung schlichtweg nicht direkt zu bemerken.

SWR Aktuell: Ein ganz großes Thema im Herbst und Winter ist natürlich immer das Thema Erkältung. Erkältet man sich denn generell leichter, wenn man friert?

Korff: Das Frieren selbst hat primär keinen Einfluss auf Infektionen. Allerdings haben die Folgen von Kälte schon Einfluss. Dadurch werden Schleimhäute zum Beispiel weniger gut durchblutet. Auch durch die trockene, kalte Luft trocknen die schneller aus. Und Schleimhaut produziert halt Schleim, das ist ein wichtiger Schutz vor infektiösen Keimen oder Viren. Und wenn der Schleimhaut-Schutz weg ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit einfach höher, dass man einen solchen Eintrag eines solchen infektiösen Virus oder eben Bakterien hat und eine Infektion bekommt.

SWR Aktuell: Welche Körperteile sollte man dann versuchen, wirklich immer warm zu halten?

Korff: Das ist ein bisschen abhängig von der Person. Bei mir ist es zum Beispiel der Hals, den ich immer abdecke. Leute, die häufig eine Erkältung kriegen oder Halsschmerzen, sollten also da genau darauf aufpassen. Bei Säuglingen und kleinen Kindern ist insbesondere wichtig, dass der Kopf abgedeckt ist - aber natürlich auch die Füße. Es ist also ein bisschen individuell. Aber grundsätzlich entscheidend ist, dass der Körperkern möglichst gut bedeckt ist. Das heißt also, das Herumlaufen mit bauchfreiem Top oder so ist bei diesen klimatischen Verhältnissen absolut nicht anzuraten.

SWR Aktuell: In diesem Herbst und Winter ist ja Energiesparen die große Devise. Kann man sich denn auch antrainieren, weniger zu frieren?

Korff: Das Frieren selbst kann man sich natürlich nicht abtrainieren, da es eine physiologische Reaktion ist. Aber die Toleranz gegenüber Kälte kann man sich tatsächlich antrainieren, indem man einfach den Organismus der Kälte etwas mehr exponiert. Das kann durch Spaziergänge an der frischen Luft sein, man kann aber auch mal ganz aktiv darüber nachdenken, ob ich wirklich im Wohnzimmer 24 Grad brauche. Und man kann dann eben schrittweise auch mal einfach schauen: Wie weit kann ich mit der Temperatur runtergehen? Ein beliebtes Mittel ist ganz einfach: Beim Duschen ist die Duschtemperatur normalerweise zu 30 bis 40 Grad, je nach Vorliebe. Auch da kann man natürlich mal ein bisschen runtergehen. Und dann sollte man sich mal überlegen, 30 Sekunden nach dem Warmduschen einfach kalt zu duschen - wobei das keine Schocktherapie sein soll. Einfach mal ausprobieren: Wie weit kann ich mit der Temperatur runter? Und das kann man dann ja täglich oder wöchentlich etwas steigern. Und schon trainiert man den Körper automatisch, besser mit kälteren Temperaturen zurechtzukommen.

STAND
AUTOR/IN
Arne Wiechern