Hausärzte-Verband: Testpflicht für geboosterte Menschen kann wegfallen

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Andreas Herrler

Das Impfen gegen das Corona-Virus geht voran: Vor einem Jahr standen die ersten Impfstoffe kurz vor der Zulassung, mittlerweile haben fast 70 Prozent der Menschen in Deutschland ihre Erst- und Zweitimpfung bekommen. Längst werden auch Auffrischungs- und Verstärkungs-Impfungen verabreicht, die sogenannten „Booster“ haben schon knapp 20 Prozent der Bürger bekommen. Der Sozialverband VdK kritisiert, ältere Menschen und Risikopatienten würden oft vergeblich auf Termine warteten. Dr. Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands, erklärt im Gespräch mit SWR-Aktuell-Moderator Andreas Herrler, warum er eine Testpflicht für geboosterte Menschen für verzichtbar hält.

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SWR Aktuell: Wenn man sich die Warteschlangen vor den mobilen Impfstellen anschaut, dann stehen dort oft jüngere Menschen. Werden gerade die Falschen geboostert?

Weigeldt: Das kann ich nicht bestätigen. Das ist sehr unterschiedlich. In den Praxen sehen wir, dass diejenigen, die als Erste geimpft worden waren, dann auch als erste geboostert worden sind. Und deswegen sind wir da eigentlich im Rahmen der Priorität. Aber natürlich ist es im Moment auch nicht klug, Menschen abzuweisen, die geimpft werden wollen. Soweit ich das weiß, ist in vielen Impfzentren da tatsächlich eine relativ strenge Reihenfolge vorgesehen.

Das ist aber: Solche, ich sage mal: staatlich angeordneten Priorisierungen wie vor einem Jahr bei den Erst- und Zweitimpfungen, vor allen Dingen bei den Erstimpfungen, das braucht man jetzt nicht. Das regelt sich von allein in den Praxen….

Das kann man so nicht bestätigen, weil diese Priorisierung natürlich sinnvoll ist – und wir deswegen in den Praxen auch diese Priorisierung gerade da versuchen, wo wir auch die Menschen anrufen, einladen, Termine vereinbaren. Aber wir erleben halt immer auch wieder, dass Termine nicht eingehalten werden. Und dann wird natürlich jeder geimpft, der da jetzt geimpft werden möchte.

Damit die Hausärzte viel impfen können, muss natürlich genug Impfstoff da sein. Wir erinnern uns alle an die mehr oder weniger peinliche Situation, als der damalige Gesundheitsminister Spahn den Hausärzten Bestell-Obergrenzen bei Biontech aufdrücken wollte. Kommt denn mittlerweile genug Impfstoff in den Praxen an?

Das ist leider noch nicht überall so. Am letzten Mittwoch habe ich es erlebt, dass wir nur in der Praxis etwa die Hälfte des bestellten Impfstoffs bekommen haben - wobei es inzwischen klar ist, dass sowohl Moderna als auch Biontech sehr gute Impfstoffe für die Booster-Impfung sind. Die ist ja nicht unbedingt eine Auffrischung, sondern eine Komplettierung des Impfschutzes.

Diese Komplettierung des Impfschutzes wird aktuell immer noch empfohlen, sechs Monate nach der zweiten Impfung. Und einige denken darüber nach oder würden sich wünschen, dass sie das auch früher schon durchführen lassen könnten, vielleicht nach fünf Monaten. In Großbritannien zum Beispiel denkt man auch darüber nach, das wirklich vorzuziehen. Aber wenn so wenig Impfstoff da ist, ist das wahrscheinlich noch Zukunftsmusik – oder?

Ja, das ist ein bisschen Zukunftsmusik, wenn der Impfstoff nicht ausreichend da ist. Ansonsten passiert das jetzt ja auch schon. Und zwar eher tatsächlich in den Praxen, wo wir ein bisschen flexibler sind, während Impfstationen, die begrenzten Impfstoff haben, da strenger sind und auch jemanden schon mal nach Hause schicken, der erst in einer Woche die sechs Monate rum hat. Also: Insgesamt ist tatsächlich der limitierende Faktor zurzeit, dass wir den Impfstoff, den wir bestellen, natürlich in den Praxen auch brauchen, und dass wir hier eine ordentliche Bestell- und Lieferlogistik brauchen.

Ansonsten ist die Bereitschaft zum Auffrischen zum Boostern ja bei vielen Menschen groß - auch deshalb, weil beispielsweise in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz Geboosterte keinen Test mehr brauchen, wenn 2G+ gilt. Und heute will Gesundheitsminister Lauterbach mit dem neuen Corona-Expertengremium, auch mit den Landesgesundheitsministern, besprechen, ob das vielleicht auch bundesweit gelten soll. Da gibt es schon Bedenken dagegen. Die deutschen Amtsärzte zum Beispiel: Deren Vorsitzende Teichert sagt, es sei verfrüht, Menschen in Booster-Impfung von der Testpflicht zu befreien. Wie sehen Sie das?

Symptomlose Menschen zu testen, ist sowieso ein bisschen fragwürdig, weil die Tests halt eine begrenzte Genauigkeit haben. Im Übrigen es ist natürlich so, dass alle Tests, die notwendig sind, gemacht worden sind. Bei Leuten mit Symptomen ist es nach wie vor richtig, diese zu testen, um auszuschließen, dass sie jemand anstecken können. Die Ansteckungswahrscheinlichkeit und die Viruslast ist bei Geboosterten außerordentlich niedrig. Es ist schon zu vertreten, dass man hier sagt: Da muss jetzt nicht generell ein Test gemacht werden.

Aber wenn diese Menschen Symptome zeigen, sollte man auch die testen?

Auf jeden Fall, da gibt es keine zwei Meinungen.

Das Ziel der Ampelkoalition ist, dass man bis Jahresende 30 Millionen Impfdosen verabreicht. Wird das noch möglich sein?

Also, wie gesagt, das liegt daran: Ist ausreichend Impfstoff da. und wird der geliefert? Wir hören immer, dass es Impfstoff gibt - aber, dass er nicht geliefert wird. Und dann schieben sich natürlich der Pharmagroßhandel und das Ministerium ein bisschen gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Das muss eigentlich dann aufhören. Und ich glaube, dass wir diese Marke, wenn vielleicht nicht punktgenau, aber in etwa erreichen könnten.

Baden-Baden

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