Großveranstaltungen in der Corona-Pandemie: Wie gefährlich sind volle Fußball-Stadien?

STAND
AUTOR/IN

Die vierte Corona-Welle rollt langsam zu uns herein. Noch ist die 7-Tage-Inzidenz zwar niedrig, aber Virologen und Epidemiologen gehen von einem dreistelligen Wert schon im September aus. Das könnte auch Auswirkungen auf die Fußball-Bundesliga-Saison 2021/22 haben.

Audio herunterladen (2,1 MB | MP3)

SWR Aktuell-Moderatorin Astrid Meisoll hat über das Corona-Infektionsgeschehen in Stadien und die Bedeutung der 7-Tage-Inzidenz mit Franziska Ehrenfeld aus der SWR-Wissenschaftsredaktion gesprochen.

Astrid Meisoll, SWR Aktuell: Welche Rolle spielen also solche Großveranstaltungen im Freien fürs Infektionsgeschehen?

Franziska Ehrenfeld, SWR-Wissenschaftsredaktion: Man ist ja schon lange davon ausgegangen, dass sich bei Großveranstaltungen viele Menschen anstecken können, weil viele zusammenkommen. Dass diese Vermutung stimmt, zeigen Daten aus Schottland. Rund um das EM-Vorrundenspiel Schottland gegen England haben sich fast 2.000 Schotten infiziert. Jeder fünfte davon war anscheinend auch im Wembley-Stadion in London. Nicht klar ist, wie viele davon das Coronavirus nach London eingeschleppt haben und wie viele sich erst dort angesteckt haben und es dann nach Schottland gebracht haben. Man erkennt also, dass Fußballspiele durchaus einen Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben können. Außerdem sieht man, dass die Infektionszahlen in England eine gute Woche nach dem Ende der Europameisterschaft wieder zurückgegangen sind.

Wäre es deshalb vielleicht eine kluge Überlegung, nur geimpfte Personen ins Stadion zu lassen?

Das wäre sicherlich ungefährlicher, weil die Wahrscheinlichkeit, dass geimpfte Personen sich anstecken und das Virus dann weitergeben, ziemlich unwahrscheinlich ist. Allerdings muss man jetzt schauen, wie es sich mit der Delta-Variante verhält. Ersten Erkenntnissen zufolge scheint die Viruslast deutlich höher als bei der Alpha-Variante zu sein. Aber so genau kann man es noch nicht sagen. Deshalb muss man es immer wieder genau abwägen. Doch grundsätzlich gilt: von Geimpften geht eine deutlich geringere Gefahr aus.

Der Referenzwert ist immer noch die 7-Tage-Inzidenz. Kann man im Moment überhaupt sagen: ab Inzidenzwert 'x' ist es gefährlich oder nicht?

Nein, das ist gar nicht so leicht. Es ist ja die Frage, was bedeutet ein Inzidenzwert zum Beispiel von 35 für unser Gesundheitssystem? Inzwischen sind viele Menschen geimpft. Das heißt: eine höhere Inzidenz führt nicht mehr zu so vielen schweren Covid-Verläufen wie im Winter. Deshalb werden die Krankenhäuser auch nicht mehr so schnell voll. Aber eine hohe Inzidenz bedeutet eben auch, dass das Virus irgendwann außer Kontrolle gerät. Die 50er-Marke wurde ausgegeben, weil die Gesundheitsämter bis dahin die Kontakte der Infizierten zurückverfolgen können. Ob die Ämter jetzt mehr leisten können, ist zumindest fraglich. Man muss also schauen, wie man neue Werte festlegen kann.

Müssen wir also zusätzliche Faktoren heranziehen, wie etwa die Zahl der Geimpften, die Auslastung der Krankenhäuser - ist das eine sinnvolle Idee?

Ich sehe es ein bisschen zwiegespalten. Zu Beginn der Pandemie ging es darum, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Die Inzidenz war dafür ein guter Warnwert, weil sich das Infektionsgeschehen schon früh abgezeichnet hat und man erkennen konnte, wie viele Menschen wann ins Krankenhaus mussten. Wir sollten auch jetzt noch einen Blick darauf werfen und durchaus alarmiert sein, wenn sich bei der Inzidenz ein exponentielles Wachstum abzeichnet. Aber eine 50er- oder 100er-Inzidenz hat nicht mehr die Bedeutung wie noch im Winter. Die Krankenhäuser kommen besser klar, weil Dank der Impfungen viel weniger Menschen schwer erkranken.

Es bleibt trotzdem die Frage der Kontaktnachverfolgung. Was machen wir, wenn die Gesundheitsämter nicht mehr hinterherkommen und die Zahl der Neuinfektionen aus dem Ruder läuft? Die Impfungen verlangsamen die Virusausbreitung nur, halten sie jedoch nicht komplett auf, weil es noch sehr viele nicht-immunisierte Menschen gibt. Hinzu kommen Personen mit bestimmten Vorerkrankungen, für die die Impfung gar keinen ausreichenden Schutz bieten kann. Und für solche Personen kann die hohe Inzidenz sehr gefährlich werden.

STAND
AUTOR/IN