Glaubwürdigkeit der EZB gefährdet? Wirtschaftsweise Grimm zu Leitzins-Erhöhung

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AUTOR/IN
Andreas Böhnisch

Wir merken es beim Einkaufen: Unser Geld ist weniger wert, nahezu alles ist teurer geworden. Im Juni lag die Inflation in Deutschland bei 7,6 Prozent - im Euroraum sogar über acht Prozent. Die Europäische Zentralbank will und muss gegensteuern. Heute tagt der EZB-Rat und er wird den Leitzins zum ersten Mal seit elf Jahren erhöhen. Die Frage ist jetzt nur um wie viel: Um 0,25 Prozent wie angekündigt oder doch 0,5 Prozent.
Wie die Volkswirtschaftlerin und "Wirtschaftsweise" Prof. Veronika Grimm die Lage einschätzt, erklärt sie im Gespräch mit SWR-Aktuell-Moderator Andreas Böhnisch.

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SWR: Ein Viertel- oder ein halbes Prozent Leitzinserhöhung - wovon gehen Sie denn aus?

Angekündigt war ein Viertelprozentpunkt. Allerdings gibt es jetzt Gerüchte, dass auch ein halber Prozentpunkt kommen könnte. Einerseits wäre das wahrscheinlich sinnvoll, um die Inflation einzubremsen. Andererseits gefährdet das natürlich die Glaubwürdigkeit der Kommunikation der EZB, die ja im Vorfeld von einem Viertelprozentpunkt gesprochen hat.

Die EZB ist unabhängig. Muss die Notenbank trotzdem Rücksicht auf die Regierungskrise in Italien nehmen?

Das ist so eine Sache: Die Regierungskrise in Italien zeigt natürlich, dass es sehr, sehr schwierig sein wird, den Spread zu begrenzen, also das Auseinanderlaufen der Zinsen der einzelnen Staaten aufgrund der unterschiedlichen Verfassung der Haushaltssituation in den Mitgliedstaaten. Das kann natürlich zu einem Problem werden, wenn die Spreads auseinanderlaufen und es quasi dann Spekulationsattacken gegen einzelne Staaten gibt. Aber aktuell ist es natürlich auch so, dass es berechtigt ist, dass ein gewisser Unterschied in den Zinssätzen für die einzelnen Staaten da ist. Insofern ist das schon eine schwierige Situation. Und natürlich sollte die EZB keine Rücksicht nehmen auf die politische Lage in einzelnen Mitgliedstaaten, indem sie die Zinsen nicht anhebt.

Nehmen wir mal an die EZB hebt den Leitzins wie angekündigt um 0,25 Prozent an, auch um glaubwürdig zu bleiben, so wie Sie es ja gerade eben geschildert haben. Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft in der Euro-Zone und hoch verschuldet. Durch eine Leitzinserhöhung der EZB wird für Italien das Geldleihen an den Kapitalmärkten teurer. Sehen Sie dadurch die Gefahr einer neuen Euro-Krise?

Ich sehe das nicht unbedingt. Man musste auch vorsichtig sein, wie man das kommuniziert. Es ist so, dass die Euro-Mitgliedstaaten in sehr langlaufenden Anleihen verschuldet sind. Die Anleihen, die jetzt aktuell abgelöst werden, das sind die, die vor ungefähr zehn Jahren vergeben wurden, zum großen Teil, und die wurden noch zu sehr, sehr hohen Zinsen vergeben. Insofern sinkt erstmal die Zinslast der Mitgliedstaaten, wenn sich jetzt neu verschuldet wird, obwohl der Zins schon etwas angestiegen ist. Kritisch wird es eher in fünf Jahren, wenn dann die Anleihen auslaufen, die zu niedrigen Zinsen abgeschlossen wurden. Und deswegen ist es eigentlich auch so, dass man raten sollte, jetzt unmittelbar auch klar zu handeln in einer Zeit, wo sichj eben die Zinserhöhung noch nicht so stark in einer höheren Zinslast der Euro-Mitgliedstaaten ausdrücken. Jetzt gibt es einige Staaten, dazu gehört auch Italien, die inflationsindexierte Anleihen im Portfolio haben. Das ist ein bisschen problematisch, aber das spricht natürlich auch dafür, die Inflation in den Griff zu bekommen. Denn bei den inflationsindexierten Anleihen ist es ja so, dass da die Zinslasten mit der zunehmenden Inflation unmittelbar ansteigen, weil eben die Zinszahlungen an die Inflation gekoppelt sind.

Schauen wir jetzt noch auf die EZB-Entscheidung und die möglichen Auswirkungen auf uns hier in Deutschland. Werden Verbraucherinnen und Verbraucher die Leitzinserhöhung zu spüren bekommen?

Ein bisschen was davon ist schon in den Zinssätzen enthalten. Die Zinsen steigen ja an den Märkten nicht erst, wenn der Zinssatz durch die EZB angehoben wird, sondern, wenn erwartet wird an den Märkten, dass die EZB die Zinsen anhebt. Und das wird schon breit erwartet. Also sind die Zinsen aktuell schon angestiegen. Man wird das etwas merken. Der Hauptfokus muss jetzt sein, die Inflation in den Griff zu bekommen und die Inflationserwartungen der Akteure verankert zu halten. Denn wenn die Menschen und die Unternehmen erwarten, dass die Inflation lange hoch bleibt, dann gibt es alle möglichen, sehr unangenehmen Effekte, zum Beispiel sehr hohe Lohnabschlüsse, die sich dann wiederum in höheren Preisen und damit natürlich höherer Inflation wiederspiegeln - weil natürlich die Unternehmen diese höheren Lohnkosten weitergeben an die Verbraucher. Oder auch, weil die Leute jetzt langlebige Güter kaufen und damit natürlich auch die Inflation befeuern, weil sie die Nachfrage ankurbeln, aber das Angebot dem nicht entgegenkommen kann, weil ja die Inflation angebotsgetrieben ist. Die Lieferketten sind noch nicht so wieder im Gang, und deswegen kann das Angebot nicht so richtig der Nachfrage entgegenkommen. Alles, was man zusätzlich an Nachfrage jetzt beobachtet, wird sich in höheren Preisen auswirken.

Um die Inflation in den Griff zu bekommen, wäre es wahrscheinlich besser, wenn die EZB den Leitzins gleich um 0,5 Punkte anheben würde, oder?

Ja, das wäre wahrscheinlich besser. Es bleibt abzuwarten, ob das passiert. Es ist auf jeden Fall wichtig, dass die EZB den Zinssatz anhebt und auch signalisiert, dass weitere Zinsschritte folgen. Denn das führt eben dazu, dass die Inflationserwartungen verankert bleiben und die Inflation sich nicht quasi verselbständigt.

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Andreas Böhnisch