Friedens-Nobelpreis: Warum die Corona-Pandemie bei der Auszeichnung eine Rolle spielen könnte

STAND
AUTOR/IN

Der Friedensnobelpreis gilt als Höhepunkt im Reigen der Auszeichnungen, die im Namen von Alfred Nobel vergeben werden. Am späten Freitagvormittag wird das norwegische Nobelkomitee seine Entscheidung bekanntgeben.

Audio herunterladen (6,6 MB | MP3)

Der Historiker und Publizist Sven Felix Kellerhoff hat sich mit der Geschichte der Nobelpreise beschäftigt. Trotzdem könne auch er über den oder die möglichen Preisträger nur spekulieren. "Aber weder beim Medizin-Nobelpreis noch beim Chemie-Nobelpreis hat Corona eine Rolle gespielt. Ich könnte mir also vorstellen, dass man, um dem weltweiten Thema Corona gerecht zu werden, die Weltgesundheits-Organisation WHO auszeichnet", sagt der Experte im Gespräch mit SWR Aktuell-Moderator Arne Wiechern.

Bekommt Greta Thunberg den Friedens-Nobelpreis?

Beim Thema Klimawandel wurde immer wieder darüber spekuliert, ob die Aktivistin Greta Thunberg ausgezeichnet wird. Der Nobelpreis-Experte sieht Thunberg allerdings nicht als geeignete Persönlichkeit, um sie mit dem Friedens-Nobelpreis zu ehren.

"Ich bin ausdrücklich dagegen, Greta Thunberg den Friedens-Nobelpreis zuzuerkennen."

Greta Thunberg, Klimaaktivistin aus Schweden, hält eine Rede während einer Demonstration der Bewegung Fridays for Future. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/LaPresse via ZUMA Press | Claudio Furlan)
Bekommt Greta Thunberg den Friedens-Nobelpreis? picture alliance/dpa/LaPresse via ZUMA Press | Claudio Furlan

"Sie scheint mir, mit ihrem überdrehten, emotionalen Aktivismus nur eine ganz kleine Gruppe in wenigen Industrieländern anzusprechen." Die Masse der Menschen, zum Beispiel in China und Indien, erreiche Greta Thunberg mit ihrem Aktivismus gegen den Klimawandel nicht. Deshalb seien ihre Aktionen zum Schutz des Klimas nicht hilfreich.

Welche politische Sprengkraft hat der Friedens-Nobelpreis?

Auch wenn der Friedens-Nobelpreis als wichtigste Auszeichnung gilt, darf seine Wirkung nach Einschätzung des Historikers und Publizisten nicht überschätzt werden. Es gebe nur wenige Beispiele, dass die Wahl des Preisträgers tatsächlich Einfluss auf den Verlauf der Weltgeschichte gehabt habe.

Als ein Beispiel nennt Sven Felix Kellerhoff die Entscheidung des Nobel-Komitees aus dem Jahr 1983. Damals wurde der polnische Gewerkschaftsführer Lech Walesa ausgezeichnet. Die Verleihung erfolgte "auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung zwischen Dissidenten und Ostblock-Staaten sowjetischer Provenienz." Dadurch sei der Demokratisierungs-Prozess befördert worden und habe 1989 zum Zusammenbruch der kommunistischen Regime geführt.

Wer bekam den Friedens-Nobelpreis zu Unrecht?

Das Nobel-Komitee habe in der Vergangenheit allerdings auch immer wieder Entscheidungen getroffen, die sich mit dem Wissen von heute als fragwürdig oder als fehlerhaft herausgestellt hätten. Ein Beispiel sei die Vergabe des Friedens-Nobelpreises im Jahr 1990 an Michael Gorbatschow, der damals Präsident der Sowjetunion war. "Er hat enorme Verdienste um das Ende des kalten Krieges. Aber zwei Monate nach der Verleihung, Anfang 1991, ließ er Panzer durch Vilnius im Baltikum rollen."

Auch der frühere US-Präsident Barack Obama ist schon 2009 mit dem Friedens-Nobelpreis ausgezeichnet worden - im ersten Jahr seiner Amtszeit. Zu diesem Zeitpunkt habe er noch gar nichts geleistet haben können, sagt der Nobelpreis-Experte. "Wie wir im Rückblick wissen, waren die Hoffnungen auf Barack Obamas Leistungsfähigkeit in Bezug auf die Förderung des Weltfriedens wohl auch eher überhöht. Er konnte den Erwartungen nicht gerecht werden." Deshalb würde Barack Obama aus heutiger Sicht sicherlich nicht mehr für den Friedens-Nobelpreis in Betracht gezogen werden.

Was sollte beim Friedens-Nobelpreis geändert werden?

Sven Felix Kellerhoff macht sich deshalb für eine Reform der Vergabe-Kriterien für den Friedens-Nobelpreis stark. Die Festlegung im Testament von Alfred Nobel, jemanden zu ehren, der im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht habe, sei nicht mehr zeitgemäß. Vielmehr sollten Persönlichkeiten ausgezeichnet werden, die über viele Jahre und Jahrzehnte mit ihrem Handeln dem Weltfrieden wirklich gedient hätten.

STAND
AUTOR/IN