Feiern und Finanzsorgen: 100 Jahre Bergwacht im Schwarzwald

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AUTOR/IN
Andreas Böhnisch

Wer sich beim Klettern oder Skifahren im Schwarzwald verletzt, dem hilft die Bergwacht. Die Bergretter und -retterinnen kommen auch unter schwierigsten Bedingungen, um Verletzte zu retten und zu versorgen.
Seit 1922 gibt es die Bergwacht Schwarzwald, sie feiert in diesem Jahr also ihr 100. Jubiläum. Über die Motivation der freiwilligen Helfer und die Probleme der Organisation hat SWR-Aktuell-Moderator Andreas Böhnisch mit Adrian Probst gesprochen. Er ist Landesvorsitzender der Bergwacht Schwarzwald und Bürgermeister von St. Blasien.

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SWR: Bevor wir auf mögliche Probleme bei Ihnen schauen, lassen Sie uns über morgen sprechen. Dann steigt das große Fest auf dem Feldberg. Was erwartet die Besucher?

Adrian Probst: Morgen feiern wir hundert Jahre Bergwacht, und es wird ein ordentliches, großes Fest, auf das ich mich sehr freue. Wir haben eine große Bühne aufgebaut. Der SWR wird dort mit der Band spielen. Es gibt Einblicke in die Arbeit der Bergwacht hautnah, live mit Bergretterinnen und Bergrettern und auch Lawinenhunden auf der Bühne. Wir haben eine große Blaulichtmesse, vier Hubschrauber, die auch Vorführungen machen. Es gibt einen Naturpark-Markt mit regionalen Produkten. Und auch die Bergwacht Gondel an der Feldbergbahn rückt aus. Also: Für die ganze Familie, für jeden Interessierten ist ganz viel dabei.

Es gibt viel zu feiern morgen, aber vielleicht auch noch viele Sorgen, die Sie ab und zu mal umtreiben. Die Bergwacht Schwarzwald hatte auch lange Zeit zu kämpfen, vor allem mit zu wenig Spenden. Dann hat der SWR 2016 eine Fernsehdokumentation über die Bergwacht gedreht, und anschließend gab es dann mehr Spenden. Auch die baden-württembergische Landesregierung hat wieder mehr Geld lockergemacht. Ist das bis heute so?

Ja. Mittlerweile haben wir eine gute finanzielle Grundlage, einen modernen Fuhrpark und auch eine gute finanzielle Grundausstattung, um unseren Einsatzkräften eine gute, einsatzfähige Technik zu bieten. Auf der anderen Seite erleben auch wir Preissteigerungen. Wir erleben einen Zuwachs an Technik, an Komplexität im Einsatz, müssen uns auf neue Herausforderungen einstellen. Und vor allem haben wir eine große Aufgabe vor uns, nämlich den Bau vieler neuer Bergrettungswachen im Land. Das fordert uns finanziell sehr stark, und deshalb sind wir momentan auch wieder mit der Landesregierung intensiv im Gespräch. Aber auch wenn hier Erfolge erzielt werden, werden wir weiter auf Spenden angewiesen sein.

Das Material ist das Eine, der Nachwuchs das Andere. Melden sich genug junge Leute für die Bergrettung bei der Bergwacht Schwarzwald?

Wir haben die ganz tolle Situation, dass die Bergwacht Schwarzwald eigentlich keine Nachwuchssorgen hat, wegen der hochattraktiven Tätigkeiten, die man im Bergrettungsdienst findet. Wir haben sehr viele, die sich bei uns melden, dann auch die Prüfung machen, nach zweijähriger Ausbildungszeit dann tatsächlich die Ausbildung abschließen. Dann allerdings, wenn es in den aktiven Einsatzdienst steht, dass sie unter der Woche ausrücken können, den Arbeitsplatz verlassen, um dann im Notfall zu helfen - an dieser Stelle haben wir Schwierigkeiten, so wie alle anderen Organisationen auch. Und das ist die Herausforderung: Ehrenamtlich den Rettungsdienst tatsächlich auch in Zukunft zu gestalten.

Schauen wir noch mal auf die Ausbildung. Sie sprechen von hochattraktiven Tätigkeiten, die man in diesen zwei Jahren Ausbildung lernt. Was gehört alles dazu, worin bilden sie die jungen Männer und Frauen aus?

Man sollte eine Grund-Schwindelfreiheit mitbringen, auch eine Grund-Sportlichkeit mitbringen. Und dann eröffnet sich ein Feld, was hochspannend, auch komplex und anspruchsvoll ist, für das manche an anderer Stelle viel Geld ausgeben würden. Denken Sie mal an alles Technische: Motorschlittenfahren, Hubschrauber fliegen, sich abseilen, Klettern, aber auch der ganze notfallmedizinische Bereich, der sehr, sehr umfangreich, komplex und anspruchsvoll ist. Das sind Felder gerade auch an der Schnittstelle zwischen Medizin und Technik, die machen Spaß, die machen Freude, die machen aber auch Sinn. Und das ist eine Tätigkeit, die viele, viele junge Menschen heute suchen.

Das Motto der Bergretter und -retterinnen lautet: „Die Bergwacht. Ehrenamtlich. Professionell.“ Reicht dieses ehrenamtliche Engagement für eine professionelle notfallmedizinische Versorgung noch aus? Oder brauchen wir zumindest in Teilen so eine Art Berufs-Bergwacht?

Wir haben vor allem im verwaltungstechnischen Bereich die Notwendigkeit, dass wir hauptamtliche Kräfte einsetzen, die damit erst die Rahmenbedingungen für Ehrenamt ermöglichen. Im Einsatz sollen Ehrenamtliche sein. Dort haben wir eine sehr hohe Motivation, aber im Hintergrund, wenn es um Abrechnungsfragen geht, wenn es um versicherungstechnische Dinge geht, dort brauchen wir hauptamtliche Kräfte - schon heute, und in Zukunft voraussichtlich auch noch mehr. Und parallel dazu haben wir in den Wintermonaten auch elf hauptamtliche Kräfte, die die Ehrenamtlichen an den Werktagen, unterstützen. Da ist das Einsatzaufkommen dann schlicht so hoch, dass es Ehrenamtliche vom Pensum her nicht mehr schaffen.

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