Militärfahrzeuge fahren über eine Straße in Donezk. (Foto: Reuters,  REUTERS/Alexander Ermochenko)

Nato müsse Polen und Baltikum militärisch stärken

Ex-General Kujat: "Wir haben in jedem Fall Krieg"

STAND
INTERVIEW
Andreas Böhnisch

Zum Angriff Russlands auf die Ukraine sagte General a.D. Harald Kujat im SWR, falls Putin es auf das ganze Land abgesehen habe, sei das ein Vorgehen wie aus dem Lehrbuch.

SWR: Herr Kujat, haben wir jetzt den Krieg in Europa?

Harald Kujat: Wir haben in jedem Fall Krieg, den wir alle nicht wollten und von dem wir alle gehofft haben, dass er sich noch vermeiden lässt. Es ist nicht ganz klar, was Putin oder Russland tatsächlich vorhaben. Putin hat erklärt, es handele sich um einen Einsatz in der Ostukraine. Das ist eigentlich auch das Szenario, mit dem ich gerechnet habe und von dem ich trotzdem gehofft habe, dass wir es irgendwie durch Verhandlungen vermeiden können.

Harald Kujat, ehemaliger Vorsitzender des NATO-Militärausschusses (Foto: picture-alliance / Reportdienste, dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Wolf von Dewitz)
Harald Kujat, ehemaliger Vorsitzender des Nato-Militärausschusses picture alliance/dpa | Wolf von Dewitz

Nun hören wir heute früh über die Nachrichtenagenturen von ukrainischen Grenzschützern, dass die Ukraine auch an den Grenzen zu Russland und Belarus angegriffen wird. Deutet das darauf hin, dass Russland die gesamte Ukraine besetzen will?

Was wir mit Sicherheit wissen, ist, dass es zu Explosionen gekommen ist, wahrscheinlich in Stützpunkten der ukrainischen Armee. Das kann zweierlei bedeuten: Zum einen, dass Putin versuchen wird, sozusagen eine Reaktion der ukrainischen Streitkräfte gegen diesen sogenannten begrenzten Einsatz in der Ostukraine sozusagen vorbeugend abzuwehren. Es kann aber auch der Beginn eines groß angelegten Angriffes auf die Ukraine sein. Das ist das normale Szenario, wie man in einem solchen Fall vorgehen würde, nämlich zunächst mit weitreichenden Waffensystemen den möglichen Widerstand zu brechen, um dann die eigentliche Landoperationen erst zu beginnen, das heißt mit einem geringeren Risiko durchzuführen. Welche dieser beiden Optionen nun Putin verfolgt, ist nach meiner Ansicht noch nicht ganz klar. Aber ich halte es durchaus für möglich, dass er - ich sage es einmal so - ruchlos vorgeht, dass er tatsächlich die gesamte Ukraine besetzen will.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg und US-Präsident Joe Biden haben den Angriff Russlands auf die Ukraine bereits verurteilt. Vertreter der 30 Nato-Staaten kommen heute zu einer Krisensitzung zusammen. Wie muss die Nato auf diese russische Aggression reagieren?

Die Nato kann zum Schutz und zur Verteidigung der Ukraine nicht selbst eingreifen. Auch Präsident Biden hat mehrfach ausgeschlossen, dass amerikanische Soldaten in der Ukraine eingesetzt werden. Er hat sogar ausgeschlossen, dass sie zur Evakuierung amerikanischer Staatsbürger eingesetzt würden, einfach um eine Konfrontation zwischen russischen und amerikanischen Soldaten zu verhindern. Wir müssen sehen: Hier gibt es ein gewaltiges Risikopotenzial. Es geht um die beiden größten Nuklearmächte der Welt. Es muss also alles gemacht werden, um einen Zusammenstoß zwischen der Nato und Russland zu verhindern. Aber was die Nato unbedingt tun muss, ist natürlich weiter ihre eigene Verteidigungsfähigkeit, insbesondere in den baltischen Staaten und in Polen, zu stärken. Das muss man tun, um die Abschreckung zu erhöhen und deutlich zu machen, dass hier eine rote Linie überschritten würde, die eine sofortige Gegenreaktion zur Folge hätte.

STAND
INTERVIEW
Andreas Böhnisch