Evangelische Kirche ringt um aktuelle Friedensethik

Annette Kurschus: "Hört auf zu schießen, fangt an zu verhandeln!"

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"Keine Waffe schafft Frieden", betont die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Doch wo ein Volk mit blanker Gewalt angegriffen werde, habe es das Recht zur Selbstverteidigung. Für diese Nothilfe Waffen zu liefern, hält die Theologin für vertretbar. Doch Waffenlieferungen dürften niemals Politik ersetzen.

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Auch wenn man die Menschen in der Ukraine bei ihrer Selbstverteidigung unterstützen sollte, dürfe das nie dazu führen, dass der Krieg immer weiter geht und immer mehr Leute darin verwickelt werden, betont die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus im SWR Interview der Woche. Waffenlieferungen seien kein Selbstzweck, dafür gebe es starke Kriterien: Sie dürften nur als Ultima Ratio dienen. Möglichst schnell müsse eine Situation hergestellt werden, in der wieder verhandelt werden kann.

Kirchen in der Ukraine sind gespalten

Die Ukraine ist von Frömmigkeit geprägt. Dies habe den Menschen in schwierigen Phasen ihrer Geschichte oft geholfen, betont Annette Kurschus. Allerdings sind die Kirchen dort gespalten: Traditionell gehört die orthodoxe Kirche in der Ukraine zur russisch-orthodoxen, deren Patriarch Kyrill den russischen Präsidenten unterstützt. Deshalb hat sich ein Teil abgespalten. Diese abgespaltene ukrainische Kirche ist noch nicht Mitglied im Weltkirchenrat, die russisch-orthodoxe schon. Bei der Großveranstaltung in Karlsruhe werde sich die Evangelische Kirche bzw. der Weltkirchenrat diesem Thema stellen, verspricht die EKD-Ratsvorsitzende. Man werde mit den unterschiedlichen orthodoxen Positionen zur Ukraine sehr bewusst umgehen.

"Sexualisierte Gewalt ist durch nichts zu rechtfertigen"

Die EKD-Ratsvorsitzende zeigt sich erschüttert darüber, welches Unrecht Menschen in ihrer Kirche den ihr anvertrauten Menschen zugefügt haben. Sexualisierte Gewalt sei mit der Botschaft des Evangeliums und mit allem, wofür die Kirche stehe, nicht vereinbar. Annette Kurschus kündigte eine transparente und rückhaltlose Aufarbeitung an. Die Fälle sexualisierter Gewalt hätten zu einem Vertrauensverlust geführt. Jedoch geht sie nicht davon aus, dass dieser der Grund für die zahlreichen Kirchenaustritte ist. Nach einer jüngsten Studie im Auftrag der EKD zähle dieses Thema möglicherweise zu den Anlässen, auszutreten, sagt Annette Kurschus. Die tiefer liegenden Gründe seien jedoch andere.

Soziale Ungleichheit bekämpfen

In Folge des Ukrainekrieges sind die Energie- und allgemeinen Preise gestiegen. Darunter leiden arme Menschen besonders stark. Die Kirche müsse immer und immer wieder darauf hinweisen, erklärt die EKD-Ratsvorsitzende, weil Arme und Menschen am Rand der Gesellschaft keine Lobby hätten und oft vergessen würden.

Mit der Diakonie habe die Evangelische Kirche viele Möglichkeiten, Benachteiligte zu unterstützen. So setze sie sich zum Beispiel für Alleinerziehende und Kinder ein, die von Armut besonders betroffen sind.

Erstes Frauentrio an der Spitze der deutschen Protestant*innen

Jahrzehntelang haben vor allem Männer die Evangelische Kirche geleitet, jetzt sind drei Frauen in den höchsten Führungspositionen. Dies sei zwar im Führungsstil mit eigenen Akzenten verbunden, räumt Annette Kurschus ein. Dennoch sieht sie darin mehr als ein Frauenthema. Mit Anna-Nicole Heinrich als Präses des evangelischen Kirchenparlaments sei eine junge Frau am Start, die auf ihren Kommunikationskanälen Menschen erreiche, die sie selbst nie erreichen könne. Mit ihr als Ratsvorsitzender und ihrer Stellvertreterin Kirsten Fehrs habe die Kirche zwei Bischöfinnen mit unterschiedlicher Erfahrung und Qualifikation. Dies stellt für Annette Kurschus eine gegenseitige Ergänzung dar, die der evangelischen Kirche gut tun werde. Da sei sie sehr zuversichtlich.

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