Erdgas und Unsicherheit: Wieso machen wir uns so verrückt?

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AUTOR/IN
Christian Rönspies

Eine eiskalte Wohnung, ein Gasherd, auf dem man nur noch Dinge abstellen, aber nichts mehr kochen kann – und dann vielleicht noch der Strom ausgefallen. Manche Menschen haben solche Horrorszenarien vor Augen, wenn sie an den nächsten Winter denken. Sicher ist, dass wegen des russischen Kriegs gegen die Ukraine die Lieferung von Erdgas nach Deutschland eingeschränkt und gefährdet ist. Aber woher kommt die Panik, die manche Menschen zu befallen scheint? Die Einschätzung der Neuropsychologin und Autorin Prof. Maren Urner im Gespräch mit SWR-Aktuell-Moderator Christian Rönspies.

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SWR: Ist es nicht menschlich, dass viele von uns jetzt vielleicht ein bisschen überbesorgt sind?

Maren Urner: Es ist tatsächlich sehr menschlich, beziehungsweise biologisch ganz einfach zu erklären, weil unser Gehirn natürlich vor allem eine zentrale Aufgabe hat: Nämlich, uns am Leben zu halten, das heißt auf potenzielle Gefahren in Form von negativen Nachrichten, möglichen Engpässen, wenn es um die Energieversorgung oder andere Versorgungsfragen geht, reagiert es sehr, sehr intensiv und vielleicht auch ein bisschen intensiver, als langfristig nötig wäre. Aber erstmal überzureagieren ist natürlich eine gute Strategie, um uns am Leben zu halten. Das heißt, diese Überbesorgtheit ist erstmal einfach nur ein biologischer Mechanismus, um mit Unsicherheit umzugehen.

Eigentlich müssten wir ja theoretisch krisentechnisch ein bisschen abgehärtet sein. Da ist der Klimawandel, wir hatten die Pandemie, jetzt kommt noch die Inflation und der Krieg - und die Energiekrise. Warum sind wir nicht abgehärtet? Funktioniert so was wie Abhärtung in diesem Zusammenhang nicht sind? Werden wir ein bisschen mürbe im Kopf?

Ja und nein. Es ist natürlich ganz, ganz schwierig. Und da möchte ich auch vor warnen: Es gibt nicht für alle Menschen, die EINE Antwort. Dafür sind wir glücklicherweise auch alle ein bisschen unterschiedlich, haben diese unterschiedlichen Gehirne in unserem Kopf und können natürlich auch unterschiedlich Dinge lernen beziehungsweise anders und neu mit Informationen umgehen. Einige Menschen haben, das zeigen auch die Studienergebnisse sehr klar, in den letzten Jahren im Zuge von Pandemie, Klimakrise und Co gelernt, dass die einzige Gewissheit darin besteht, dass alles unsicher ist. Also, dass sich Dinge immer verändern und dass wir uns da ein Stück weit auch gerade in unserem Kulturkreis eine Sicherheit vorgegaukelt haben, die es einfach nicht gibt. Das heißt, wir müssen da natürlich auch andere Denk und dann eben Kommunikations- und letztendlich Handlungsmechanismen an den Tag legen - und da wird es natürlich dann auch gesellschaftspolitisch- , um in Zukunft besser damit umzugehen und nicht dafür zu sorgen, dass wir eine Gesellschaft kreieren, in der mehr und mehr Menschen psychische Belastungen spüren und sich erschüttert, ermüdet mürbe, fühlen. Das sehen wir natürlich auch gerade als Antwort jetzt auf die Pandemie und die letzten zwei Jahre. Wir erzählen uns eben nach wie vor in vielen Kreisen - medial, gesellschaftlich, politisch und auch in Unternehmen - die Geschichte, dass das alles so bleibt, wie es war. Und das ist einfach grundlegend falsch. Also, da muss jeder und jeder bei sich selbst, aber auch insgesamt als Gesellschaft beginnen, dass wir uns andere Geschichten erzählen.

Eines ihrer Fachgebiete ist die Medienpsychologie. Und wir wären ja täglich von vielen Medien mit Krisenbotschaften bombardiert. Sie haben gerade gesagt wir müssen uns andere Geschichten erzählen. Gibt es Tricks, wie man das alles im Gehirn ein bisschen mehr in Richtung Realismus filtern kann, vor diesem Hintergrund der „anderen Geschichten“, die man sich erzählen sollte, gibt es da Tricks?

Ich würde es ungern als Tricks bezeichnen. Das klingt immer so, als ob man irgendwie einen Zauberkasten rausholen kann, und dann wird es irgendwie besser oder so. Ich bin wirklich davon überzeugt, und das ist auch das, was wir aus den Forschungsergebnissen wissen, dass es wirklich im Kopf beginnt, ganz klar! Es ist aber kein Trickwissen, sondern wirklich ein Lernprozess. Also zum Beispiel beginnend mit der Erkenntnis, dass Informationsverarbeitung eben nicht abgeschlossen ist, wenn wir aufhören den Artikel zu lesen, den Podcast sehen, den  Radiobeitrag hören oder ein Video schauen, sondern dass unser Gehirn einfach noch sehr viel mehr Zeit braucht, um Dinge einzuordnen. Und das bedeutet dann in praktischer Konsequenz, dass wir eben nicht am besten informiert sind, wenn wir möglichst die ganze Wachzeit damit verbringen, Nachrichten und Medien zu konsumieren, sondern dass wir ganz bewusst Phasen brauchen, wo wir zwar nicht abschalten - wenn wir abschalten, dann sind wir tot, unser Gehirn ist nicht mehr funktionsfähig - , sondern umschalten, weil das einfach Teil der Informationsverarbeitung ist. Und das zeigt uns wirklich Studie um Studie, dass die Menschen, die wirklich dann nicht nur besser informiert sind, sondern natürlich auch handlungsfähig bleiben, diejenigen sind die dann einen sehr bewussten, im Sinne von überlegt, geplant und durch Gewohnheiten strukturierten, Umgang mit Informationen und Medien haben. Und das können wir alle lernen. Das hat dann auch nichts mit Trick oder Zauberkunst zu tun, sondern einfach damit, Routinen zu oder Gewohnheiten zu ändern und sich immer wieder zu fragen: Hilft mir das gerade, die Welt besser zu verstehen? Oder sorgt es eigentlich dafür, dass ich in so einem Strudel an Überforderungsgefühlen lande?

Wie kann man sich das konkret vorstellen? Sie haben es gerade Umschalten genannt, also zum Beispiel eine Medienpause einlegen. Ist das eine Möglichkeit?

Genau richtig! Stichwort Geschichten, andere Geschichten erzählen: Es ist gar nicht die Pause. Häufig kommt ja dann der Vorwurf: Ja, dann ignoriert man, wenn man sich nicht 24 Stunden oder die komplette Wach-Zeit informiert, und dann blendet man aus … das ist einfach die falsche Geschichte, die wir uns da erzählen, weil wir eine Vorstellung von unserem Gehirn haben, die nicht in der Realität entspricht. Also dass es da so eine „Speichern“ oder „Löschen“- Taste gibt - und umso mehr wir speichern, desto besser sind wir informiert. Das ist einfach falsch. Diese vermeintlichen Pausen sind Teil des aktiven Verarbeitungsprozesses. Da beginnt die andere Geschichte, die wir uns erzählen müssen, dass das Umschalten einfach eine essenzielle Zutat ist. Genauso wie wir mittlerweile mehr und mehr anerkennen, dass Schlaf als ganz, ganz wichtige Zutat zu einer guten, informierten Person dazugehört, weil wir sonst einfach nicht in der Lage sind, gute Entscheidungen zu treffen.

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Christian Rönspies