Ende der Corona-Isolation? Virologe zweifelt an "Modell Eigenverantwortung"

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Sebastian Felser

Viele Länder in Europa handeln so, als sei Corona längst vorbei - trotz aller Warnungen, im Winter könne eine neue Welle kommen. Aktuell wird bei uns über die Isolationspflicht für Infizierte diskutiert. Vier Bundesländer wollen die Regel abschaffen, auch Baden-Württemberg. Sie schauen zum Beispiel nach Österreich und die weitgehenden Lockerungen dort. Das taugt aber nach Ansicht des Frankfurter Virologen und Biochemikers Martin Stürmer nur sehr eingeschränkt für Deutschland. Warum, das erklärt er im Gespräch mit SWR-Aktuell-Moderator Sebastian Felser.

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SWR: Taugt Österreich wirklich als Vorbild?

Martin Stürmer: Naja, es ist natürlich schon etwas, was Richtung Eigenverantwortung geht, was ja auch immer in Deutschland propagiert wird, dass wir wieder mehr dahin müssen. Ich glaube aber, dass es für uns nicht so passend ist wie für andere, wie zum Beispiel für Österreich. Ich muss mich nur im Alltag umschauen. Wir haben ja nach wie vor zum Beispiel eine Maskentragepflicht im öffentlichen Personennahverkehr – und da halten sich vielleicht, wenn es gut läuft, so zwei Drittel der Menschen dran, und der Rest läuft ohne rum. So viel zur Eigenverantwortung. Und wir riskieren letztendlich mit so einer Maßnahme, wenn sich die Menschen nicht daran halten, dass wieder Infektionen zusätzlich in die Betriebe gebracht werden, weil wir alle wissen, dass SARS-CoV-2 sich auch ohne Symptome sehr gut verbreiten kann. Und ich riskiere damit eigentlich mehr Personalausfälle als ich etwas gewinnen würde.

Jetzt sagen einige - auch ganz häufig im Zusammenhang mit großen Volksfesten -,  in dieser Jahreszeit gehöre Corona doch jetzt zu den normalen Krankheiten in der Verbreitung und Wandlung, ähnlich der Grippe. Und deshalb brauche es keine Extraregeln mehr. Können Sie das fachlich nicht nachvollziehen?

Es wäre natürlich schön, wenn wir schon so weit wären, dass wir SARS-CoV-2 als Infektion unter die normalen Infektionserreger abtun können. Das ist, glaube ich, der Wunsch vieler. Und das kann ich nachvollziehen. Aber ich gebe zwei Dinge zu bedenken: Zum einen sind wir noch nicht am Ende der Fahnenstange, was die Evolution von SARS-CoV-2 angeht. Wir sehen nach wie vor immer wieder neue Varianten am Horizont auftauchen. Und gerade durch solche Aktionen wie das Oktoberfest, das ja sehr international ist, werden dann eben Varianten aus allen Ländern zusammengetragen. Und es besteht natürlich die Gefahr, dass es sich schneller wieder ausbreiten kann oder sogar neue Varianten entstehen können. Mit den angepassten Impfstoffen fangen wir jetzt erst an zu arbeiten. Wie bei der Virusgrippe, wo es ja schon Standard ist, müssen wir das jetzt erst erlernen, wie gut es funktioniert. Und das Dritte ist eben auch Long Covid, eine immer noch nicht abschließend geklärte Erkrankung, die sehr viele Menschen betrifft, teilweise unterschiedlich hart. Solange ich nicht genau weiß, wie ich das vermeiden kann, verhindern kann, reduzieren kann, bin ich noch nicht der Meinung, dass wir jetzt hier schon so weit sind, sozusagen SARS-CoV-2 als normalen Infektionserreger behandeln zu können.

Ein Gegenargument von Herrn Lauterbach haben Sie auch genannt, dass nämlich die Isolationspflicht Betriebe und andere Zusammenkünfte schütze. Ist die Isolationspflicht da tatsächlich das geeignete Mittel? Oder bräuchte es vielleicht eigentlich auch noch etwas anderes?

Grundsätzlich ist ja die Diskussion nur deswegen aufgebrannt oder brennt auf, weil wir jetzt ja so viele Infektionen im Alltag zulassen, dass überhaupt in die Problematik kommen, dass die Infrastruktur darunter leiden wird - weil die Menschen einfach vermehrt krank zu Hause bleiben müssen. Insofern hätte man sich im Vorfeld Gedanken machen müssen, ob nicht eine konsequentere Regelung oder konsequenteres Kontrollieren des Infektionsgeschehens über den Sommer in den Herbst hinein nicht sinnvoller gewesen wäre. Jetzt versucht man, das Versäumnis wettzumachen, indem man ein zusätzliches negatives Element einführen möchte, nämlich wieder mehr Infizierte sozusagen ungeschützt und frei in die Bevölkerung wieder reinzulassen. Es hätte meiner Meinung nach im Vorfeld mehr Konsequenz noch in diesem Winter zumindest auf den Infektionsschutz gelegt werden müssen,

Was eigentlich beiden Lagern gemeinsam ist: Herr Lauterbach will Superspreading in Betrieben – ich nenne das jetzt einfach mal so - verhindern. Und auch die vier Länder befürchten wiederum, dass kritische Infrastruktur zusammenbricht, wenn jeder fünf Tage in Isolation muss. Warum ist es für diese Fachleute, die ja eigentlich eine gemeinsame Sorge umtreibt, eigentlich so schwierig, sich zu einigen?

Es ist immer eine Frage, wie ich auf die Situation schaue. Das haben wir, glaube ich in den über zwei Jahren Corona-Pandemie lernen müssen, dass es nicht immer nur schwarz-weiß gibt, dass wir nicht sagen können: Ich kann nur Infektionen vermeiden. Oder? Nein, wir müssen die Wirtschaft im Auge behalten oder andere soziale Aspekte wie Schulen und Kindergärten. Das Wohl der Kinder liegt uns allen am Herzen. Diese ganzen Elemente unter einen Hut zu bringen, erfordert eben ein Weggehen von Schwarz-Weiß-Denken und Schubladendenken. Und da muss man Kompromisse finden. Und letztendlich ist es eine Entscheidung und eine Ausbalancierung: Wo lege ich jetzt etwas mehr Schwerpunkte hin? Bin ich schon der Meinung, die Krankheitsbelastung ist gering genug, dass ich mehr Infektion zulassen kann, um den Alltag wieder etwas normal werden zu lassen? Oder muss ich doch wieder etwas mehr Schwerpunkt auf Infektionsvermeidung setzen und damit ein bisschen mehr Einschränkungen im Alltag in Kauf nehmen? Und ich glaube, dass auszubalancieren, ist nicht einfach. Ich als Wissenschaftler habe es einfach. Ich sehe meine Perspektive natürlich primär. Und ich sage, wir müssten eigentlich mehr Infektionen vermeiden, sehe aber natürlich auch in meinem persönlichen Alltag ganz klar, dass das nicht so einfach ist, und dass man Kompromisse finden muss.

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Sebastian Felser