Claudia Roth gegen Russland-Boykott

"Das ist ein Putin-Krieg, kein Puschkin-Krieg!"

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Kulturstaatsministerin Claudia Roth will russische und ukrainische Exil-Medien in Deutschland etablieren. Einen Boykott russischer Kultur findet sie falsch: "Das ist ein Putin-Krieg, kein Puschkin-Krieg!"

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Angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine sieht Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) in Deutschland mancherorts Tendenzen eines Boykotts russischer Kulturgüter. Die Staatsministerin findet das falsch. Roth erklärt im SWR Interview der Woche, russische ebenso wie ukrainische Kulturschaffende brauchten unsere Unterstützung. Völlig absurd werde es, wenn etwa aus den Schaufenstern deutscher Buchläden russische Literatur verschwinde, oder wenn keine Musik von Tschaikowsky mehr in Konzertsälen gespielt werde. Kulturschaffende und Medienleute brauchten im Gegenteil unsere Hilfe: "Wir müssen sie unterstützen, dass sie auch ihre Stimme in Richtung Russland erheben können."

SWR-Korrespondent Alfred Schmit und Claudia Roth sitzen sich in in der Regie des ARD-Hauptstadtstudios an einem Tisch gegenüber (Foto: SWR)
Korrespondent Alfred Schmit und Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) im SWR Interview der Woche

Exil-Medien mit deutschem Standort

Journalistinnen und Journalisten aus Russland und der Ukraine sollten die Chance bekommen, von Deutschland aus zu schreiben und zu senden. Der "Aufbau einer Infrastruktur für Exil-Medien" sei wichtig, so Claudia Roth. Und das sei übrigens von ukrainischer Seite, auch mit Blick auf russische Medienschaffende, ausdrücklich gewünscht. Kulturschaffende und Medienleute seien "oft diejenigen, die die letzten Freiräume noch versucht haben, aufrechtzuerhalten oder zu erkämpfen, die versuchen, das Land zu verlassen oder schon geflohen sind."

Bewaffnung der Ukraine? Ja, aber Debatte nicht verengen

Nach dem offenen Brief zahlreicher Intellektueller, die sich gegen eine Bewaffnung der Ukraine wenden, bezieht Roth klar Stellung: "Bewaffnung ja, (…) denn ein Land, das überrollt wird von einem Angriffskrieg, muss sich verteidigen können," doch sollte diese Debatte nicht verengt werden auf Fragen der Bewaffnung oder welcher Art von Waffen. Als Mitglied der Grünen seien solche Fragen niemals leicht. "Ich glaube, es gibt so viel mehr, etwa humanitäre Hilfe, wirtschaftliche Unterstützung, Aufnahme von Geflüchteten, Schutz von Kulturgütern. Übrigens auch die Frage: Wie helfen wir beim Wiederaufbau von Regionen, von Städten, von Einrichtungen, die zerstört wurden?"

SWR-Korrespondent Alfred Schmit und Claudia Roth stehen nebeneinander in der Halle des ARD-Hauptstadtstudios in Berlin und schauen in die Kamera (Foto: SWR)
SWR Korrespondent Alfred Schmit und Claudia Roth in der Halle des Hauptstadtstudios in Berlin

Ist die Documenta in Gefahr?

Nicht nur zum Thema Ukraine gab es in jüngster Zeit offene Briefe – ein weiteres aktuelles Beispiel ist einer zur Welt-Kunstschau Documenta in Kassel. Sie geriet in die Schlagzeilen wegen Antisemitismus-Vorwürfen gegen einige ihrer Akteurinnen und Akteure. Besteht das Risiko, dass die Documenta scheitert, wenn zentrale Figuren sich zurückziehen? Claudia Roth gibt sich zuversichtlich. Sie tue alles dafür, damit "dieses große internationale Fest der modernen Kunst" stattfinden könne. Roth wörtlich: "Antisemitismus hat keinen Platz, darf keinen Platz haben in unserem Land. Das ist die eine Sache. Die andere Sache ist, dass es aber Kunstfreiheit braucht. Und Kunstfreiheit heißt eben auch, dass es Freiräume braucht, Denkräume braucht, dass es die Möglichkeit gibt von künstlerischer Darstellung, die mir gar nicht gefallen muss. Also das ist die Freiheit der Kunst. Sie muss mir nicht gefallen. Sie muss möglich sein. Aber Antisemitismus darf nicht passieren."


https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/tag-der-pressefreiheit-107.html

https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/die-documenta-15-und-der-antisemitismus-100.html

https://www.tagesschau.de/inland/dokumentationszentrum-zweiter-weltkrieg-103.html

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