Zwölf Prozent Schulabbrecher: "Immer mehr Arbeitgeber drücken aus Not ein Auge zu"

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Urike Alex

Deutschland ist zwar noch eine Industrie- und Wissensnation, aber eine Entwicklung könnte das gefährden: Sehr viele junge Menschen verlassen die Schule ohne Abschluss, die Abbrecherquote liegt bei 12 Prozent. Das ist die vierthöchste in der EU. Welche Job-Chancen Menschen ohne Schulabschluss haben und wie sich der Fachkräftemangel auswirkt, hat SWR-Aktuell-Moderatorin Ulrike Alex die Berufsberaterin Theresa Dreizehnter von der Bundesagentur für Arbeit in Heilbronn gefragt.

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SWR Aktuell: Wer kommt denn zu Ihnen mit so einem Schulabbruch?

Theresa Dreizehnter: In der Regel sind es Jugendliche, die oftmals auch private Probleme haben, die aus Verzweiflung vielleicht die Schule abgebrochen haben, weil die Schulnoten in den Fächern nicht mehr gut waren, die keine Lust mehr auf die Schule haben, die auch beruflich und privat nicht orientiert sind, die keine Ziele für sich haben.

SWR Aktuell: In welchem Alter sind diese Menschen?

Dreizehnter: In der Regel haben die das achtzehnte Lebensjahr schon vollendet. Davor gibt es ja die sogenannte allgemeine Schulpflicht und die Berufsschulpflicht. Da sind dann ganz oft andere Institutionen auch noch dran, die dafür sorgen, dass diese Jugendlichen in irgendeiner Form weiter beschult werden oder alternative Angebote bekommen. Und sobald diese Schulpflicht beziehungsweise Berufsschulpflicht erfüllt ist, können wir dann tatsächlich auch tätig werden, wobei wir oft auch im Vorfeld schon mit ins Boot genommen werden, um einfach die weiteren Schritte zu planen, wie es weitergehen kann.

SWR Aktuell: Auszubildende werden ja in Deutschland händeringend gesucht. Wie sehen denn die Chancen aus, ohne Schulabschluss eine Lehrstelle zu bekommen?

Dreizehnter: Vor ein paar Jahren hätte ich noch gesagt, es sei nahezu unmöglich. Inzwischen haben wir ja den Luxus für Ausbildungssuchende, dass wir so viele freie Ausbildungsstellen haben. Und man muss natürlich ein bisschen unterscheiden: Was für Ausbildungsstellen sind das dann? Im Baugewerbe zum Beispiel sind die Arbeitgeber inzwischen tatsächlich auch bereit, Jugendlichen eine Chance zu geben, auch wenn sie keinen Schulabschluss mitbringen. Aber wir sehen natürlich auch ganz klar, dass hintendran auch noch die Berufsschule steht. Die Ausbildung besteht ja aus dem Praxisanteil und der Berufsschule, und die muss natürlich auch geschafft werden, da finden auch Prüfungen statt.

SWR Aktuell: Was raten Sie denn den Jugendlichen, die zu Ihnen kommen - die sind ja interessiert, die wollen ja etwas machen. Da ist die erste Hürde schon genommen. Wie soll es für die weitergehen?

Dreizehnter: Genau. Es ist immer toll, wenn sie dann von sich aus bei uns auftauchen. Das zeigt ja schon eine gewisse Motivation. Und dann muss man mit jedem Einzelnen individuell besprechen: Was sind die Hintergründe für den Abbruch? Wo sind die Fähigkeiten, die Stärken der Jugendlichen, und welche Berufe passen dazu? Und dann muss man schauen: Ist es möglich, das Ganze ohne Schulabschluss anzugehen? Oder muss man vielleicht einen Zwischenschritt einfügen, mit dem Erwerb des Hauptschulabschlusses in der Regel, um dann weitere Schritte gehen zu können?

SWR Aktuell: Wie wichtig sind denn Praktika?

Dreizehnter: Das ist ein sehr wichtiges Thema, weil gerade durch die Praktika die Arbeitgeber den Bewerber oder die Bewerberin kennenlernen können. Das heißt, die Schulnoten oder der Schulabschluss geraten ein Stück weit in den Hintergrund, wenn der Bewerber oder die Bewerberin zeigen kann, dass er oder sie sehr motiviert ist, zuverlässig und so. Die Soft Skills, die mitgebracht werden, sind sehr, sehr wichtig - wichtiger denn je. Und dann drücken die Arbeitgeber oftmals auch ein oder zwei Augen zu und versuchen es vielleicht mit jemandem, der nicht unbedingt die optimalen Voraussetzungen mitbringt.

SWR Aktuell: Wie groß sind denn die Erfolgschancen?

Dreizehnter: Das kann man so pauschal nicht beantworten. Das ist sehr stark abhängig von den Arbeitgebern und auch von der Not der Arbeitgeber. Wie dringend brauchen die Auszubildende? Es gibt Arbeitgeber, die haben verstanden, dass wir ganz dringend Auszubildende brauchen, die Fachkräfte brauchen, die dann eher mal bereit sind, ein Auge zuzudrücken. Aber es gibt leider auch immer noch Arbeitgeber, die gewisse Vorstellungen haben und davon nicht abweichen.

SWR Aktuell: Früher gab es ja auch für ungelernte Kräfte gut bezahlte Jobs in Fabriken, das ist absolut vorbei – oder?

Dreizehnter: Diese Hilfsarbeitsjobs, die man bekommen kann, laufen in der Regel nur noch über Zeitarbeitsfirmen. Es ist tatsächlich so: Diese Hilfsarbeiterjobs werden auch immer weniger, vor allem auch durch die Digitalisierung, die Automatisierung. Und diese Arbeitsstellen, die gerade über diese Zeitarbeitsfirmen angeboten werden, laufen ja in der Regel auch über den Mindestlohn.

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