Prof. Adolf Gallwitz, Polizeipsychologe (Foto: IMAGO, IMAGO Eventpress)

Tödliche Schüsse in Heidelberg

"Es gibt immer Vorzeichen" - Polizeipsychologe zu mutmaßlichem Amoklauf in Heidelberg

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Ein Mann hat in Heidelberg eine Frau erschossen, drei Menschen verletzt und sich selbst getötet. Was Amoktäter antreibt, erklärt Polizeipsychologe Adolf Gallwitz im SWR-Interview.

SWR Aktuell: Gibt es ein Denkmuster, das alle Amokläufer verbindet?

Adolf Gallwitz: Ja, es gibt ein Denkmuster, und es gibt auch gewisse Merkmale. Wir hatten ja Winnenden/Wendlingen, das schon über zehn Jahre her ist, fast vergessen. Und jetzt auf einmal ist es mitten unter uns. Man könnte sagen: Er hat diese Tat begangen, weil seine Gewaltfantasien ihn nicht mehr losgelassen haben, weil er nicht nur eine Affinität zu Waffen hatte, sondern auch den Zugang zu Waffen fand, und weil er zu der Gruppe der Menschen gehörte, die eine Risikopersönlichkeit haben. Und man könnte auch sagen: Er hat eine grandiose Art des Untergehens gesucht. Ein Suizid war ihm letztlich einfach zu banal. Es sind keine Einzelgänger. Es sind auch nicht immer nur Leute, die schwer psychisch krank sind. Und es ist keine spontane Tatausführung. Diese Leute kommen aus der - nicht ganz völlig unauffälligen - Mitte unserer Gesellschaft. Und deswegen gibt es auch Spuren. Und deswegen gibt es auch direkte oder indirekte Ankündigungen, wie wir jetzt bei ihm auch schon wissen.

SWR Aktuell: Die genauen Hintergründe des Täters sind noch nicht ganz bekannt. Aber selbstverständlich wird niemand als Amokläufer geboren. Wie wird ein Mensch zum Amokläufer?

Gallwitz: Ein Mensch wird zum Amokläufer, weil er die vorhandenen oder die subjektiv wahrgenommenen Kränkungen von der Kindheit übers Jugendalter zum jungen Erwachsenenalter als besonders schlimm erlebt. Und weil er keine Strategien entwickelt, um sich gegen diese subjektiv erlebten Kränkungen wehren zu können. "Niemand mag mich, ich bin benachteiligt" - obwohl es teilweise objektiv überhaupt nicht stimmt. Und in dieser Sackgasse beginnt er immer mehr, sich mit Gewalt zu beschäftigen, damit er eine Kompensation findet, und kommt nicht mehr von selber aus diesen Gewaltfantasien heraus - der Psychiater spricht von "Umstiegsfähigkeit". Und er beschäftigt sich immer mehr damit, bis er irgendwann mal einfach nicht mehr anders kann, als irgendetwas zu planen. So nach dem Motto: "Jetzt reicht‘s mir, alle sind gegen mich."

SWR Aktuell: So etwas passiert ja meistens im Verborgenen. Also man sieht ja einem Amokläufer nicht an, was er vorhat. Kann man denn solche Amokläufe überhaupt wirklich verhindern?

Gallwitz: Ja, zum Teil können wir das, und es gibt auf alle Fälle Signale. Das ist auch das, was man damals nach Winnenden/ Wendlingen versucht haben, an allen Schulen und Ausbildungseinrichtungen zu propagieren. Es sind Hilferufe, es ist manchmal ein bisschen kryptisch, das ist einfach das Gefühl, er hat sich immer schon ein bisschen benachteiligt gefühlt. Es sind keine Einzelgänger. Es sind teilweise Leute, die Mitglieder von Vereinen sind, aber sie fühlen sich nicht verstanden. Und wenn ich mit diesen Menschen zu tun habe, stelle ich fest: Der hat kaum Freunde. Der hat kaum jemand, der ihn richtig versteht. Er spricht nicht viel mit Leuten, er ist am Suchen.

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SWR Aktuell: Es gab in Deutschland schon eine Vielzahl von Amokläufen an Schulen. Meistens waren es Männer - nicht nur in Deutschland, auch im Rest der Welt, wie die meisten Amokläufer in der Geschichte. Amokläuferinnen sind selten. Warum ist das so? Warum machen das meistens Männer?

Gallwitz: Na ja, wir haben ja auch 75 Prozent der Gewaltkriminalität, die von männlichen Menschen begangen wird. Und ich denke, dass aufwachsende Jungs und Männer einfach mehr Schwierigkeiten haben mit der Gewalt, die sie erfahren, einfach umgehen zu können, ohne, dass es den späteren "Indianer" irgendwo kränkt. Ein Junge darf sich eigentlich nichts gefallen lassen. Aber als kleiner Junge und in der Familie muss er sich eine Menge gefallen lassen. Und auch in der Gesellschaft ist es immer wieder der Fall. Und ich denke, das verarbeiten Mädchen und Frauen relativ einfach, weil es bei ihnen einfach um andere Dinge geht - und nicht immer ums Gewinnen.

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