Ärztepräsident Reinhardt: Affenpocken kein Grund zur Panik, Infizierte isolieren

STAND
AUTOR/IN
Andreas Böhnisch

Nach Corona nun also die Affenpocken. Das Virus ist in Deutschland angekommen, es gibt bestätigte Fälle in Bayern, Berlin, Sachsen-Anhalt und auch in Baden-Württemberg. Damit befasst sich heute auch der Deutsche Ärztetag in Bremen. Gegen Mittag wollen sich Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach und Klaus Reinhardt, der Präsident der Bundesärztekammer, zu den Affenpocken äußern. Reinhardt hat im Gespräch mit SWR-Aktuell-Moderator Andreas Böhnisch erklärt, warum er für eine Isolation infizierter Menschen ist.

Audio herunterladen (6,3 MB | MP3)

SWR: Müssen wir uns in Deutschland Sorgen machen wegen der Affenpocken?

Klaus Reinhardt: Nein, das müssen wir, glaube ich, jetzt nicht. Und ich glaube, es ist auch wichtig, festzuhalten, dass da jetzt nicht angesichts der Corona Pandemie eine Panik entsteht. Es ist auffällig, dass es plötzlich so viele Neuinfektionen dieser eigentlich schon verschwunden geglaubten Erkrankung gibt, dass sie beobachtbar sind. Und das bedarf natürlich insofern auch Aufmerksamkeit und man muss dem nachgehen. Das ist gar keine Frage. Aber das, was man bis jetzt weiß, ist ja, dass die Erkrankung im Wesentlichen durch engen Körperkontakt und durch Austausch von Körperflüssigkeiten übertragen wird, also insofern bei Sexualverkehr übertragen werden kann. Und die Fälle, die da sind, sind offensichtlich auch Fälle, bei denen das tatsächlich nachweisbar so stattgefunden hat, soweit mein Kenntnisstand ist. Und somit ist es nicht vergleichbar mit einer Erkrankung, die durch Tröpfcheninfektionen, über die Luft, über Aerosole übertragen wird, so wie bei Corona. Und darum ist auch nicht damit zu rechnen, dass es eine solche Form von Dynamik, von Infektionszahlen geben wird. Das muss man ganz deutlich sagen. Und insofern ist niemand gefährdet, aktuell, sich frei überall zu bewegen. Und es kann gar keine Rede davon sein, dass so etwas wie Lockdown und vergleichbare Maßnahmen deshalb erforderlich sind.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach will heute auf dem Deutschen Ärztetag über den möglichen Umgang mit dem Affenpockenvirus informieren. Welche Vorsichtsmaßnahmen empfiehlt die deutsche Ärzteschaft?

Das ist noch nicht abschließend diskutiert. Wir werden ja mit dem Minister heute zusammenbekommen. Und ich glaube, dass es sinnvoll ist, dass Menschen, die erkrankt sind, tatsächlich isoliert bleiben, dass man Infektionsketten unterbricht, damit es nicht zu neuen, weiteren Infektionen kommt. Dass es zum jetzigen Zeitpunkt sehr sinnvoll, das zu tun, weil es ja sich noch um wenige bekannte und festgestellte Infektionen handelt. Es gibt eine relativ lange Inkubationszeit, die liegt bei etwa drei Wochen. Das bedeutet: Es gibt jetzt schon eine ganze Reihe von Infizierten und vielleicht auch schon beginnend infektiösen Menschen, die das noch nicht wissen und es weiterverbreiten können. Aber das bedeutet trotzdem, dass diejenigen, die infiziert sind, eben isoliert bleiben sollten. Das ist sicherlich das eine, worüber man nachdenken wird. Und das zweite ist, dass man sich darüber Gedanken machen wird, ob man bestimmte Gruppen der Bevölkerung unter Umständen impft. Der Pockenimpfstoff der aktuellen Generation soll, so ist zumindest die Sachlage nach meinem Kenntnisstand, auch gegenüber Affenpocken einen hohen Wirksamkeitsgrad haben. Insofern sind offensichtlich auch die, die noch aufgrund ihres Geburtsalters eine Pockenimpfung erhalten haben, relativ gut geschützt. Und man kann diejenigen, die unter Umständen von einer Infektion gefährdet wären,  durch eine Impfung schützen.

Die Affenpocken sind als Thema zum Deutschen Ärztetag noch hinzu gekommen. Großes Thema wird der Mangel an Medizinern sein, 90.000 Ärzte und Ärztinnen gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand. Ist die ärztliche Versorgung der Menschen in Deutschland deshalb gefährdet?

 Nein, die ist deshalb noch nicht gefährdet. Aber wir müssen uns darüber Gedanken machen, wie wir in Zukunft mit einer kleiner werdenden Zahl von Ärztinnen und Ärzten und mit älter werdenden Ärzten eine immer größere Zahl von älteren Menschen vernünftig versorgen können. Und das betrifft im Übrigen nicht nur das Gesundheitswesen, das ist ja eine die ganze Arbeitswelt betreffende Situation, unsere demografische Entwicklung. Aber im Gesundheitswesen hat sie natürlich hohe Relevanz. Darum müssen wir uns darüber Gedanken machen, wie das erfolgen und funktionieren kann. Und wir machen jetzt darauf aufmerksam, dass es zum jetzigen Zeitpunkt richtig ist, sich zu überlegen, was für Versorgungsstrukturen man in Zukunft haben wird. Und das ist eines unserer Themen, mit denen wir uns befassen.

Wir brauchen mehr junge Menschen, die das Medizinstudium aufnehmen können. Sollte der Numerus Clausus zum Beispiel wegfallen?

Das ist ein ganz weites Feld. Darüber kann man sehr lange diskutieren, da gibt es heftige Vertreter. Andere sind der Auffassung, dass das ein gutes Instrument sei, festzustellen, wer zunächst nicht zugelassen werden sollte. Ich bin persönlich der Auffassung, dass man erst einmal mehr Studienplätze einrichten sollte, damit sich die Zahl der Absolventen insgesamt erhöht. Man darf feststellen, dass wir im Jahr 1990, im Jahr der Wiedervereinigung, etwa 50 Prozent mehr Studienplätze hatten als aktuell. Wir haben jetzt etwa rund 10.000 Studienplätze in Deutschland. Es waren zum damaligen Zeitpunkt in Gesamtdeutschland, also der ehemaligen DDR und Westdeutschland, noch 15.000. Und man hat zum damaligen Zeitpunkt nach der Wiedervereinigung, Studienplätze abgebaut, wenn man eine Vorstellung lebte, wir bilden zu viele Ärzte und Ärzte aus. Das hat sich als Fehleinschätzung erwiesen. Und darum, glaube ich, muss man daraus eine Lehre ziehen und muss das ändern. Es gibt ja auch schon Bemühungen in Bayern und auch Nordrhein-Westfalen. Da werden neue Studienplätze eingerichtet. In Bielefeld zum Beispiel, in meiner Heimatstadt, ist eine neue Fakultät für Medizin eingerichtet worden. Und das ist eine richtige Antwort, eine von vielen Antworten, aber eine richtige Antwort auf diese Problematik.

Nun gibt es auch Nachwuchsprobleme bei den niedergelassenen Ärzten. Und da fordert der Ärztetag, dass junge Medizinerinnen und Mediziner mehr Geld bekommen, wenn sie eine eigene Praxis übernehmen. Warum ist dieser Bonus notwendig?

Da erwischen Sie mich jetzt ein bisschen auf dem falschen Fuß. Diesen Bonus kenne ich in dieser Form als Forderung nicht. Aber das, was ich kenne, ist, dass wir gesagt haben, wir wollen die Kolleginnen und Kollegen motivieren, sich niederzulassen und auch in eigener Unternehmerschaft tätig zu werden und ihnen Mut zu machen, das zu tun und keine Angst zu haben auch vor dem wirtschaftlichen Risiko, das sie eingehen, wenn sie sich wirtschaftlich selbständig engagieren. Das ist das eine. Das, was wir fordern, ist das wir gesagt haben: Wir wollen ein „Praxiszukunftsgesetz“ auf den Weg bringen - oder wünschen uns, dass es politisch auf den Weg gebracht wird, so ähnlich wie das „Krankenhauszukunftsgesetz“. Dieses „Praxiszukunftsgesetz“ soll den Kolleginnen und Kollegen in der wirtschaftlichen Selbständigkeit unter die Arme greifen, bei der digitalen Vernetzung und soll befördern, dass die Investitionen, die notwendig sind, moderne Techniken und auch sichere Standards der digitalen Kommunikation zwischen den Beteiligten im Gesundheitswesen einzurichten und zu fördern. Und die Investitionen, die dafür erforderlich sind, die sollten staatlicherseits unterstützt werden.

STAND
AUTOR/IN
Andreas Böhnisch