Frank-Ulrich Montgomery, Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/ Guido Kirchner)

Ärztefunktionär kritisiert Profitstreben der Impfstoff-Hersteller

Montgomery: "Unanständige Gewinne der Pharmaindustrie abschöpfen"

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Frank-Ulrich Montgomery, Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes, kritisiert die hohen Gewinne der Impfstoff-Hersteller gegen das Coronavirus. Das grenze an Unanständigkeit.

Der ehemalige Präsident der Bundesärztekammer spricht sich in SWR Aktuell dafür aus, den Pharmafirmen zumindest einen ihrer Gewinne abzunehmen. Allerdings geht er nicht auf die hohen Gewerbesteuerzahlungen ein, die BioNTech zum Beispiel in Mainz leistet - und die den Haushalt der Stadt sanieren werden. Im Gespräch mit Andreas Herrler appelliert Montgomery außerdem an die Impfstoffhersteller, ihre Patente freiwillig anderen Unternehmen zu öffnen. Einen Zwang dazu lehnt er aber ab.

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SWR: Brauchen wir jetzt die Freigabe der Impfstoffpatente?

Frank-Ulrich Montgomery: Die freiwillige Freigabe der Impfstoffpatente wäre weiterhin ein Weg. Gerade die Variationen und Mutationen, die wir jetzt erleben, zeigen ja, wie wichtig es ist, dass Forscher weiter die Impfstoffe verändern, dass sie daran arbeiten, wie man diese Impfstoffe verbessert. Das tut man nicht, wenn man mit Zwang um seinen geistigen, um seinen intellektuellen Gewinn gebracht wird, nicht nur um den materiellen. Die Freigabe der Patente mit gesetzlichen Anordnungen ist nicht der richtige Weg. Freiwillige Freigabe wäre ein Weg. Aber was man auf jeden Fall machen muss: Man muss die unanständigen Gewinne der Pharmaindustrie abschöpfen. Denn was gerade mit den Covid-19-Impfstoffen verdient wird, das grenzt wirklich an Unanständigkeit.

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Aber ist es nicht verständlich, dass man Gewinn machen will, wenn man einen Impfstoff entwickelt, mit sehr viel Geld, mit sehr viel Aufwand? Sie haben vor kurzem gesagt, das könne man nicht so ohne weiteres in einer Küche machen. Dafür braucht man schon ein bisschen Aufwand.

Man soll ja auch Geld damit verdienen. Aber allein die Tatsache, dass Pfizer in diesem Jahr 36 Milliarden Dollar mit seinem Impfstoff umsetzt und dass der Gewinn der Firma BioNTech auf 7 Milliarden gewachsen ist, das sind die Dimensionen. Wenn ich vor allem bedenke, dass wir die Entwicklung bei BioNTech mit 375 Millionen Euro Staatsgeld gefördert haben, dann finde ich: Hier kommen wir in Dimensionen, wo man darüber nachdenken muss, ob man solche Gewinne nicht abschöpfen muss. Und es hat zum Beispiel ja Initiativen gegeben: Auch Olaf Scholz hat es ja geschafft, zum Beispiel eine weltweite Mindeststeuer durchzusetzen. Auch hier sollte man darüber nachdenken, dass man nicht eine humanitäre Krise der ganzen Welt dazu ausnutzt, dass einzelne Firmen ihre Gewinne maximieren können.

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Aber würde man da nicht vielleicht sogar zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen? Wenn man nämlich tatsächlich die Freigabe der Patente erzwingt, anderen Unternehmen es ermöglicht, eben auch genau dieselben Impfstoff herzustellen, dann würde sich möglicherweise der Markt ein bisschen regulieren und man hätte mehr Impfstoff?

Ja, das hat nur einen einzigen Haken. Sie haben es eben selber schon aus einem alten Zitat von mir erwähnt. Sie können erstens diese Impfstoffe nicht in einer normalen pharmazeutischen Fabrik herstellen. Das sind hochkomplexe Produktionsvorgänge. Sie brauchen nach wie vor die Spezialisten dieser Firmen, die das können, um das zu machen. Nichts wäre gefährlicher, als wenn sie irgendwo in der Dritten Welt so eine kleine Notküche zusammenbastelten und dann schlechter Impfstoff eventuell sogar noch reimportiert würde. Deswegen: Sie sind auf die Firmen auf Gedeih und Verderb angewiesen, und ich sage es noch mal: Diese Impfstoffe verändern sich ja auch mit jeder Variation und jeder Mutation. Sie haben das jetzt gerade bei Omikron erlebt, der Impfstoff wird ja auch von den Herstellern angepasst. Sie müssen deren intellektuelle Freiheit erhalten. Sie müssen ihnen auch Anreize geben, etwas zu verdienen. Aber die irren Gewinne obendrüber, die muss man abschöpfen.

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Ganz unabhängig von den Patenten: Geimpft werden kann natürlich nur, wenn auch genug Impfstoff bestellt wird von den jeweiligen Regierungen. Und da hat Bundesgesundheitsminister Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) am Dienstagabend gesagt, man habe eine Inventur durchgeführt und festgestellt, dass die alte Bundesregierung eben nicht genug bestellt habe. Im Frühjahr werde der Impfstoff deshalb knapp. Das lässt so manchen doch ein bisschen verwundert bis fassungslos zurück. Sie auch?

Nicht ganz. Vergessen Sie bitte nicht, dass wir seit August, September eine Diskussion über die Boosterung führen, dass wir aus dem Stand heraus noch mal 30 Millionen Impfdosen mehr brauchen, nur um Menschen zu boostern. Wann sich das dann durchgesetzt hat in der Regierung, dass man daraus natürlich auch Bestellvorgänge ableiten muss, das weiß ich nicht. Aber es ist sehr gut, dass der Karl Lauterbach das gemacht hat. Denn wir haben jetzt drei Monate Zeit, den Impfstoff zu besorgen. Das müsste eigentlich ausreichen.

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