Ärzte ohne Grenzen: Flüchtlinge an belarussisch-polnischer Grenze "nicht wie Kriminelle behandeln"

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Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen kritisiert, dass Flüchtlinge an der belarussisch-polnischen Grenze wie Kriminelle behandelt würden. "Der Versuch, Asyl zu beantragen, ist kein Verbrechen", sagte der Geschäftsführer der deutschen Sektion Christian Katzer.

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SWR Aktuell-Moderator Andreas Herrler hat mit Christian Katzer gesprochen.

SWR Aktuell: Für Hilfsorganisationen ist 30 Kilometer vor der Grenze Schluss. Für das Gebiet dahinter hat Polen den Ausnahmezustand verhängt. Haben Sie trotzdem Informationen, wie es den Menschen dort geht?

Christian Katzer: Die Flüchtlinge an der Grenze befinden sich in einer verzweifelten Situation. Meine Kolleginnen haben aus erster Hand erfahren, wie Menschen durch Gewalt von polnischen Grenzsoldaten leiden mussten. Sie wurden geschlagen und mit Stromschlägen traktiert. Europäische Grenzschutzbeamte haben ihnen das gesamte Hab und Gut abgenommen. Das ist komplett inakzeptabel. Es muss ein Ende haben, die Menschen bei diesen extrem kalten Temperaturen ungeschützt draußen zu lassen.

Diese Menschen sind keine Waffen in einem hybriden Krieg. Es sind Personen, die Schutz suchen. Und wie alle Menschen haben sie das Recht, mit Würde und Fürsorge behandelt zu werden, unabhängig von irgendwelchen politischen Manövern und Streitigkeiten. Die beteiligten Regierung und die EU müssen Hilfsorganisationen erlauben, diese Menschen versorgen zu dürfen.

Wie kann Ärzte ohne Grenzen den Menschen überhaupt helfen, wenn man nicht direkt ins Grenzgebiet kommt?

In Litauen bieten unsere Teams den inhaftierten Menschen psychologische und medizinische Versorgung an. In Weißrussland sind unsere Teams dabei, deren Bedürfnisse auf der Flucht zu ermitteln. In Polen versuchen wir weiterhin, Zugang zu den gesperrten Grenzzonen zu erhalten. Die Staats- und Regierungschefs der EU müssen aktiv werden und humanitären Zugang ermöglichen, bevor noch mehr Menschen leiden oder sterben.

Der Versuch, Asyl zu beantragen, ist kein Verbrechen. Diejenigen, die sich auf diese sehr unsichere Reise an die europäischen Grenzen begeben, um internationalen Schutz zu suchen, dürfen nicht wie Kriminelle behandelt werden. Diese Menschen brauchen Hilfe und zwar jetzt. Humanitäre Organisationen können diese Hilfe leisten.

Gestern Abend hat die polnische Polizei einen Bus von deutschen Flüchtlings-Aktivisten gestoppt, die auf dem Weg zur Grenze waren. Trägt Polen also eine Mitverantwortung, wenn die humanitäre Lage an der Grenze immer schlimmer wird.

Alle beteiligten Staaten - inklusive Polen und der EU - sind verantwortlich und müssen dafür sorgen, dass die Menschen, die sich an der Grenze zwischen Polen und Weißrussland befinden, Zugang zu humanitärer Hilfe erhalten.

Frauen, Kinder und Männer sitzen da im Wald fest und müssen extreme Kälte und Gewalt ertragen, ohne dass ihre Bedürfnisse nach Schutz oder Hilfe berücksichtigt werden. Sie verdienen es, menschlich und mit Würde behandelt zu werden. Humanitäre Organisationen können hier eine wichtige Rolle spielen. Diese Flüchtlinge brauchen unsere Unterstützung und zwar jetzt sofort.

Welche Unterstützung erwarten Sie als Hilfsorganisation für Ihre Arbeit in dieser Krise?

Wir wünschen uns, dass wir einen ungehinderten Zugang zu diesen Menschen erhalten. Sie benötigen warme Decken, Trinkwasser, Latrinen und Gesundheitsversorgung. Es darf nicht durch politisches Kalkül Menschenleben aufs Spiel gesetzt werden.

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