Nordsyrien Konflikt (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Türkischer Einmarsch in Syrien Deutscher Arzt: Frühere IS-Kämpfer sind für Türkei im Einsatz

Bei der türkischen Invasion in Nordsyrien sind nach Einschätzung des Wiesbadener Arztes Michael Wilk auch frühere IS-Kämpfer im Einsatz. Er ist gerade aus Nordsyrien zurückgekehrt, wo er als Notarzt verletzte Kämpfer und Zivilisten versorgt hat.

In SWR Aktuell sprach er von "dschihadistischen, islamistischen Hilfstruppen", die die Türkei in Idlib mobilisiere. Es seien Leute, die zum Teil früher bei Al-Kaida-nahen Einheiten und zum Teil auch beim IS gewesen seien.

"Es gibt Fotos, wo man dieselben IS-Kämpfer wiedererkennt, die vor einem Jahr von den kurdischen Einheiten geschlagen wurden. Diese Menschen rücken jetzt von Norden, von der Türkei aus, in dieses befreite Gebiet ein und verursachen dort eine Kaskade menschlicher Katastrophen."

Martin Wilk, Arzt aus Wiesbaden

Die Kämpfer nennen sich selbst "Syrische Nationalarmee", früher waren sie als "Freie Syrische Armee" (FSA) bekannt.

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"Waffenruhe funktioniert nicht "


Von Waffenruhe könne keine Rede sein, sagt Wilk. Der Begriff sei "eher propagandistisch", um vor allem den Menschen in Westeuropa weiszumachen, man komme bei den Verhandlungen voran. Wilk war nach eigenen Angaben mit einem Notfallteam in der Stadt Tal Tamr. Kurz vorher hatten dort Kämpfe begonnen, zwischen der türkischen Armee und der "Syrischen Nationalarmee" auf der einen und den kurdischen "Syrischen Demokratischen Kräften" (SDF) auf der anderen Seite.

"Wir hatten während der gesamten Woche die ganze Zeit Schwerverletzte, Sterbende, nicht nur von Verteidigungskräften der SDF, sondern auch von der Zivilbevölkerung. Wir hatten auch schwer misshandelte Menschen dort im OP und in der Notfallaufnahme. "

Michael Wilk, Arzt aus Wiesbaden

Für diese Misshandlungen macht er die "Syrischen Nationalarmee" verantwortlich.

Kämpfe seit mehr als drei Wochen

Die türkische Armee ist am 9. Oktober in Nordsyrien einmarschiert und hat mit Hilfe von Verbündeten die Kurdenmiliz YPG angegriffen, die sie als Terrororganisation betrachtet. Russland als Schutzmacht des syrischen Präsidenten Assad hat sich in der vergangenen Woche mit der Türkei darauf verständigt, die Grenzgebiete zur Türkei gemeinsam zu kontrollieren. Nach Aussage von Präsident Recep Tayyip Erdogan sollen türkische und russische Soldaten ab Freitag zusammen in Syrien patrouillieren.

Recherche von NDR und WDR bestätigt Wilks Aussage

Dass die Türkei bei ihrer Militäroffensive in Nordsyrien von islamistischen Milizen unterstützt wird, denkt auch die Bundesregierung. Das hat eine Recherche von NDR und WDR ergeben. Unter diesen Milizen sollen auch Kämpfer sein, die in der Vergangenheit sowie bei der aktuellen Offensive das Völkerrecht verletzt haben (mehr dazu im Audio).

Unterdessen haben die Türkei und Russland ihre gemeinsamen Patrouillen in der Grenzregion begonnen. So wollen sie sicherstellen, dass kurdische Milizen der YPG den 30 Kilometer tiefen Streifen an der syrisch-türkischen Grenze verlassen haben. Moskau hatte erklärt, die YPG habe ihren Abzug von dort abgeschlossen. Die Türkei drohte jedoch, ihre Offensive wieder aufzunehmen, sollten dort Kämpfer verblieben sein.

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