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Pro und Contra Sterbehilfe Hilfe zur Selbsttötung - Ja oder Nein?

Der Bundestag debattiert über eine Neuregelung der Sterbehilfe. Im Kern geht es um die Frage, ob die Beihilfe zum Suizid erlaubt werden soll. Was spricht dafür und was dagegen?

PRO Beihilfe zur Selbsttötung

Bruno Ringewaldt, SWR Redaktion Religion, Kirche und Gesellschaft

Bruno Ringewaldt

Bruno Ringewaldt, SWR-Redaktion Religion, Kirche und Gesellschaft

Darf ein Arzt einem schwerstkranken Patienten dabei helfen, sich selbst das Leben zu nehmen? Ich wünschte, es wäre so!

Natürlich wünsche auch ich mir keinen einzigen Patienten, der überhaupt nur auf die Idee käme, diese schreckliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Realität zeigt aber: Es gibt diese furchtbaren Situationen, in denen Patienten sich wünschen, ein Arzt könnte ihnen ein Mittel zur Selbsttötung überlassen. Diese Patienten werden in Deutschland bisher zu oft in einer rechtlichen Grauzone alleine gelassen. Viel zu viele zieht es zum Sterben in die Schweiz. Auf Dauer kann das keine Lösung sein!

Den Willen des Patienten respektieren

In meinen Augen sollte letztlich der Wille des Patienten zählen. Der Suizid ist in Deutschland nicht strafbar, darum auch nicht die Beihilfe dazu. Diese allgemeine Rechtslage bevormundet niemanden und achtet den Willen des Einzelnen - auch wenn es um eine so schreckliche Entscheidung geht: Warum sollte der Wille eines schwerstkranken Patienten nicht genauso geachtet werden?

Die Gefahren bei der Legalisierung ärztlicher Suizid-Beihilfe sind allerdings sehr groß: Wenn Menschen dadurch etwa unter Druck geraten, sich das Leben zu nehmen, um ihren Angehörigen nicht zur Last zu fallen, dann wäre das in der Tat eine Katastrophe!

Palliativmedizin flächendeckend

Kritiker fordern deshalb: Statt die Beihilfe zur Selbsttötung zu erlauben, müsse Deutschland eine flächendeckende palliativmedizinische Versorgung sicherstellen. Diese Forderung nach einer optimalen Schmerzmedizin kann ich nur unterstützen - allerdings sehe ich darin keine Alternative, sondern die Voraussetzung für die Legalisierung der ärztlichen Suizid-Beihilfe: Was menschenmöglich ist, um Schwerstkranken das Leben zu erleichtern, das muss getan werden. Nur dann ist überhaupt eine freie Entscheidung des Patienten möglich. - Ich fürchte aber, dass es auch dann noch Menschen geben wird - und seien es nur Einzelne - die sich von einem Arzt bei der Selbsttötung helfen lassen wollen. Auch ihr Wille muss geachtet werden! Darum bin ich der Meinung, dass es Ärzten ermöglicht werden muss, ihnen diese Hilfe straffrei zu gewähren.

CONTRA Beihilfe zur Selbsttötung

Silke Arning, SWR Redaktion Religion, Kirche und Gesellschaft

Silke Arning

Silke Arning, SWR-Redaktion Religion, Kirche und Gesellschaft

Eigentlich ist es die völlig falsche Debatte. Wir zäumen das Pferd von hinten auf. Noch einmal eine langwierige und zähe Diskussion um Grauzonen, Für und Wider und Begrifflichkeiten. Schwerstkranke Menschen brauchen Hilfe, Zuwendung, Begleitung und nicht einen Giftcocktail. Und die Frage müsste vor allem lauten: Wie können wir den Betroffenen beistehen, was brauchen Sie, um diese letzte Etappe gut und würdevoll zu absolvieren.

Stellschrauben des Lebens

Ich bin weit davon entfernt, das Leid zu einer heldenhaften Pflicht zu stilisieren. Aber es ist gefährlich, die Sterbehilfe so weit zu liberalisieren, dass jeder gleich im Hinterkopf hat: Im Notfall kann ich ja den Arzt um ein entsprechendes Medikament bitten. Es ist gefährlich, an den Stellschrauben des Sterbens und des Lebens zu drehen. Die Konsequenzen sind oft gar nicht zu überblicken, denn was heute noch unvorstellbar scheint, ist in zehn Jahren vielleicht völlig normal, weil sich die gesellschaftliche Norm langsam und allmählich verändert hat. Alte Menschen könnten zunehmend unter Druck geraten, ihrem scheinbar wenig lebenswerten Leben endlich ein Ende zu setzen. Nach dem Motto: Mama, wie lange willst Du das noch aushalten?

Befürworter der Sterbehilfe winken an dieser Stelle gern ab und beschwichtigen, eine solch dramatische Entwicklung könne man in den Nachbarstaaten Holland und Belgien nicht ablesen, die bekanntlich viel freizügiger mit dem Thema umgehen. Tatsache ist: Die Fälle aktiver Sterbehilfe in Holland steigen von Jahr zu Jahr und inzwischen werden sogar Demenz und Depression als unerträgliche Leiden anerkannt. Das war anfangs noch undenkbar. Ist der Damm erst einmal gebrochen, ist meist kein Halten mehr.

Desaströse Situation in Krankenhäusern

Darum sollten wir ganz dringend darüber reden, was todkranke Menschen wirklich brauchen. Das heißt: Wir müssen über die Palliativmedizin reden, die in Deutschland schändlicherweise noch immer völlig unterentwickelt ist. Wir müssen über die zum Teil desaströse Situation in unseren Krankenhäusern reden. So hat gerade erst der Deutsche Ethikrat festgestellt, dass das Patientenwohl aus Spar- und Effizienzgründen immer mehr in den Hintergrund gerate. Das ist die Baustelle, an die wir zuerst und vor allem dran müssen.



Online: Heidi Keller