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Kulturgespräch 6.11.2012 "Jazz we can“

Musiksoziologe Dr. Christian Broecking über die politische Dimension des Jazz

Der Jazz ist hochpolitisch aus dem Blues entstanden, aus der Trauermusik der Afroamerikaner, die darin ihre Sklavenexistenz reflektiert haben. Der Blues war eine Musik des Aufbegehrens und der Jazz blieb es. Und wenn Herbie Hancock das Amt des UNESCO-Kulturbotschafters übernommen hat und in eben dieser Funktion nun nach Heidelberg kommt, um Morgen, 7.11.2012 zum Auftakt eines Jazz Symposiums zu spielen, dann belegt das diese politische Dimension umso mehr. 

Manche Umfragen, Herr Broecking, lassen ja die Vermutung aufkommen, der Jazz stehe links. Stimmt denn das?

Es gibt eine Nähe dazu. Also das Tabu wäre republikanische Jazzmusiker, da kann ich gar keine nennen. Und insofern gibt es da schon eine Nähe von der Rezeption her. Gerade in Deutschland, dass man dort aus einer linken Tradition den Jazz in diese Ecke, wie Sie es gerade gesagt haben, Sklaverei und diese Geschichte der Afroamerikaner verortet. Aber es ist natürlich so, dass amerikanische Musiker zu diesen politischen Ambitionen, die Sie gerade erwähnt haben doch immer noch ein bisschen anders ticken, also links ist dort eher demokratisch. Und somit sind Jazz-Musiker die ich kenne, natürlich eher auf Seiten von Obama.

Bill Clinton hat ja selber Jazz gespielt, nämlich Saxophon. Das haben wir jetzt von Barack Obama noch nicht gehört. Aber wer hat ihn denn im Wahlkampf, jetzt im abgelaufenen, unterstützt?

Es gab eine Initiative eines Jazzmusikers Aaron Goldberg, ein Pianist von der Westküste, der auch schon in den letzten Wahlkämpfen so eine Initiative gestartet hat, "Jazz for Obama". Das hat jetzt gerade in New York stattgefunden. Dort waren die führenden amerikanischen Jazzmusiker McCoy Tyner, Ron Carter, Jim Hall vertreten. Und dann spielt Dee Dee Bridgewater. Also große Namen des Jazz, die sich für Obama einsetzen.

Nun kommen einige amerikanische Jazzmusiker nach Heidelberg zu diesem Symposium mit dem Titel "Lost in Diversity". Das klingt so ein bisschen pessimistisch. Sind die Jazzmusiker, diesseits und jenseits des Atlantiks in der Verschiedenheit tatsächlich verloren?

Ja, das ist vielleicht ein bisschen missverständlich. Also "Let's geht lost", so heißt es eigentlich, insofern  bedeutet "Lost in Diversity", wir lassen uns jetzt darauf ein, auf diese ganze Vielfalt. Und die Wissenschaftler, Künstler, Journalisten, die ich eingeladen habe, nach Heidelberg zu diesem Symposium, im Heidelberger Center von American Studies, das sind Leute, die jetzt aus ganz verschiedenen Perspektiven die Vielfalt des Jazz besprechen werden. Und ein Ausgangspunkt, und da kommen wir vielleicht wieder zu diesem politischen gesellschaftlichen Relevanz des Jazz, war, dass die UNESCO vor einem Jahr auf ihrer Generalversammlung im November beschlossen hat einen internationalen Tag des Jazz einzurichten. Der war jetzt am 30. April, und wird jetzt jedes Jahr am 30. April sein.

Und die Erklärung zu diesem Jazztag wurde sehr auf die gesellschaftliche und politische Bedeutung des Jazz abgezielt, auf das Freiheitsgefühl der vielen Nationen und was man aus dem Jazz lernen könnte. Der Dialog spielt dabei eine große Rolle. Zwar können sich  japanische, dänische, deutsche und eben amerikanische Jazzmusiker nicht unbedingt über die Sprache verständigen, aber wenn sie sagen: "Lasst uns einen Blues spielen", dann geht es los und dann improvisieren sie und dann findet ein Dialog statt, den man sich sonst auch wünschen würde.

Wolfgang Knauf vom Jazz-Institut in Darmstadt wird auf Ihrem Symposium zur Frage sprechen, ob diese häufig zitierte soziale Relevanz des Jazz nicht einfach nur Quatsch sei. Und Thomas Meinecke wird über die Frage vom Widerstand im Jazz sprechen. In der Tat, ist der Jazz nicht mittlerweile zu einem weniger politischen und mehr ästhetischen Phänomen geworden, den man ganz gerne nebenbei hört, in einem bestimmten Background, auch in einem bestimmten sozialen Background?

Ja, ganz bestimmt. Und dennoch werden wir hier Beiträge hören,  wie es auch anders sein kann. Zum Beispiel wird Eric Porter, ein Historik-Professor von der Westküste, über Marching Bands in New Orleans berichten. Das ist eine lange Tradition der Blaskapellen, die ja nicht nur zu Beerdigungszügen aufspielen.  Porter hat dort beobachtet, wie in den letzten Jahren, junge Leute von der Straße wegkommen. Die Kriminalität  spielt in New Orleans ja eine große Rolle. Viele junge Leute spielen jetzt in Marching Bands, organisieren sich darin neu. Der soziale Aspekt dieser Musik spielt eine wichtige Rolle.

Und wir haben Howard Mandel, dem ich die Frage gestellt habe: "Erzähle doch mal, wie kann es sein, dass junge Leute in Amerika heute noch Jazzmusiker werden wollen und alles dazu ergreifen ", das ist ja alles nicht so subventioniert wie hier. Noch dazu gibt es  nicht mal die Perspektive, dass man von diesem Beruf leben können, denn der Jazz wird ja, wie wir wissen, in Amerika nicht subventioniert wie hier in Deutschland oder noch stärker in Dänemark.   

Das werden wir alles besprechen und da werden wir sehr verschiedene Eindrücke hören.

Christian Dalgers aus Dänemark wird über das dänische Musikgesetz berichten, was eben das absolute Pendant dazu ist, was es in Amerika nicht gibt.

Das dänische Musikgesetz sagt, dass rhythmisch orientierte Musik, eben auch Jazz, per Gesetz unterstützt werden muss. Das heißt, man hat dort, wenn man Musik aufführt, in einem Club oder als Musiker, das Recht unterstützt zu werden. Wir werden besprechen, wie es dazu kam. Da spielt natürlich die politische Haltung der Regierung eine große Rolle.   

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Musiksoziologen Dr. Christian Broecking führte Reinhard Hübsch am 06.11.2012 um 7.45 Uhr.