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Mindestlohn-Abstimmung in der Schweiz Bedürftig mit 3.300 Euro Monatseinkommen

Rund 18 Euro Stundenlohn - mehr als das Doppelte als in Deutschland, wo man sich über 8,50 Euro Mindestlohn heftig gestritten hat. Darüber hat die Schweiz abgestimmt, denn das Leben dort ist teuer. Sehr teuer.

2.500 Euro Kaltmiete für 70 Quadratmeter ist in Zürich geradezu günstig. Beim Einkaufen sollte man auch großzügig denken, wenn beim Discounter zwei Steaks für 46 Euro im Kühlregal liegen. Die Schweiz ist teurer, aber ein hohes Lohnniveau gleicht dies aus.

4.000 Franken (3.300 Euro) monatlich: So viel soll jeder Vollzeitarbeiter mindestens verdienen, wenn es nach dem Willen der Befürworter geht.

Dennoch gibt es auch in der Schweiz Armut. "Im Kanton Zürich rechnen wir mit sieben Prozent, die am oder unter dem Existenzminimum leben", sagt Caritas-Chef Max Elmiger. Das Existenzminimum ist mit Deutschland nicht vergleichbar, weil die Lebenshaltungskosten in der Schweiz viel höher sind.

Es gibt auch keinen billigen Wohnraum. Berechnet wird die staatliche Unterstützung immer im Einzelfall. Aber für Zürich kann man die Faustregel aufstellen: Wer weniger als 3.500 Euro im Monat zur Verfügung hat, der hat Anspruch auf staatliche Hilfe.

Sieben Prozent gelten als arm

Caritas-Chef Max Elmiger mit Mitarbeiter

Caritas-Chef Max Elmiger /li.) mit einem Mitarbeiter.

600.000 Menschen - rund sieben Prozent der Bevölkerung - gelten in der Schweiz als arm. In städtischen Gebieten gibt es höhere Armutsquoten als auf dem Land, wo auch ein gewisser Selbstversorgungsgrad besteht.

"Auch die Einwanderung hat natürlich einen Einfluss auf die Armutsquote", so Elmiger. "Eine Zeitlang kamen Leute mit weniger Bildungsrucksack zu uns, um so höher ist auch das Armutsrisiko." Als Chef der Caritas in Zürich organisiert er Hilfsangebote für diese Menschen, vermittelt Sprachkurse und bietet Schuldenberatung.

Ein Teilzeitjob reicht nicht zum Leben

Und es gibt einen speziellen Laden für spezielle Kundschaft, in der nur Bedürftige einkaufen dürfen. Die Preise sind dort immer noch höher als in Deutschland, aber deutlich günstiger als in den Supermärkten oder Discountern in der Schweiz.

"Hier kann ich etwas Gutes und billiger kaufen", sagt eine Kundin. Sie ist nicht arbeitslos, hat aber keinen Vollzeitjob. Damit reicht ihr das Geld nicht zum Leben in Zürich. Deshalb hat sie einen Bezugsschein für den Caritas-Laden. Hier werden Markenartikel verkauft, die falsch verpackt oder nicht mehr so lange haltbar sind oder von Unternehmen an die Caritas günstiger abgegeben werden.

Hier kaufen die "Working Poor"

Zucker im Regal

Nur mit Bezugsschein: Günstiger einkaufen im Caritas-Laden.

Die meisten Kunden gehören zur Gruppe der sogenannten Working Poor. Das sind Menschen, die zum Teil Vollzeit arbeiten, davon aber nicht leben können. Der Präsident des Gewerkschaftsbundes, Paul Rechsteiner sagt: "Es kann nicht sein in unserem Land, dass, wer voll arbeitet, nicht genug hat, um davon Leben zu können. Sondern, dass er auch noch vom Staat unterstützt werden muss."

Gewerkschaften und Sozialverbände verlangen deshalb einen Mindestlohn. 22 Franken oder umgerechnet etwa 18 Euro in der Stunde. Arbeitgeber und die bürgerlichen Parteien sehen die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz in Gefahr.

"Deutschland hat um die zehn Franken, Frankreich hat um die zehn Franken Mindestlohn", sagt Mindestlohn-Gegner Ulrich Giezendanner von der Volkspartei. Eine klare Mehrheit sah das genauso. Mehr als 70 Prozent stimmten gegen den Vorschlag. Einen Teilsieg haben die Gewerkschaften aber errungen: Discounter wie Lidl oder Aldi zahlen schon den monatlichen Mindestlohn von 4.000 Franken.