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Merkel und Schulz im Fernduell Ritter der traurigen Gestalt

Streiten um Inhalte - so stellt man sich Demokratie vor. Doch die bundesdeutsche Realität scheint eine andere, kommentiert unsere Hauptstadt-Korrespondentin Evi Seibert.

Martin Schulz (SPD) und Angela Merkel (CDU) sehen sich an

Der Herausforderer arbeitet sich an der Kanzlerin ab.

Das war ein Fernduell, bei dem sich aber leider nur einer duellieren wollte: Der Kanzlerkandidat. Der schoss viele, teilweise auch sehr gut gezielte Pfeile ab - aber die Kanzlerin blieb einfach in ihrer Deckung. So ein bisschen erinnert das an Don Quichotte und seinen Kampf gegen die Windmühlen. Der Ritter von der traurigen Gestalt.

Wobei Schulz im Gegensatz zu Don Quichotte keine Wahnvorstellungen hat, sondern viele Probleme im Land ganz klar angesprochen hat. Es kann wirklich nicht sein, dass Deutschland zwar in der ganzen Welt bewundert wird, in punkto Digitalisierung und Internet aber abgeschlagen im Mittelfeld landet. Das ist die Zukunft - da hat der Martin Schulz vollkommen Recht.

Das haben Merkel und ihr Digitalisierungsminister Alexander Dobrindt verschlafen. Und wenn man Franzosen erzählt, dass es in deutsche Schulen hinein regnet, verstehen die die Welt nicht mehr und sagen, dass es bei so etwas längst einen Aufstand in Frankreich gegeben hätte. Aber die Deutschen sind gerade nicht in der Stimmung, Aufstand zu machen. Es läuft ja.

Wissen, wofür wer steht

Angela Merkel hört nicht auf zu betonen, dass die Welt in Unordnung ist. Was sie damit auch meint, ist: Zum Glück haben wir ja sie als erfahrene Kanzlerin, sie macht das schon. Das ist kein Wahlkampf. Und das ist eigentlich auch den Wählern gegenüber unfair.

Demokratie lebt davon, dass die Anführer um Inhalte und Meinungen streiten, dass man weiß, wofür wer steht. Bei der Kanzlerin weiß man nur: Sie steht, mit ganz wenigen Ausnahmen, für das, was gerade mehrheitsfähig oder einfach fällig ist. Das war bei der Ehe für alle so, bei der Energiewende, bei der Frauenquote.

Alles nicht ihre Lieblings-Themen, sie gehen aber mit ihr als erledigt nach Hause. Folgerichtig hat sie sich die Digitalisierungsinitiative ihres Konkurrenten am Wochenende auch wieder als eigenes Topthema angeeignet. Das ist schlau, aber auf Dauer macht das keine Lust auf Politik. Das hat nichts mit gestalten zu tun, sondern mit Macht bewahren.

Kein Anlass, etwas zu ändern?

Evi Seibert

Berlin-Korrespondentin Evi Seibert

Die Deutschen scheint das alles nicht so wahnsinnig zu interessieren. Sie kennen das Merkel-Spiel und machen es seit vielen Jahren und vielen Wahlkämpfen mit. Die Deutschen sind - nach einem kurzen, jähen  Erschrecken in der Flüchtlingskrise - jetzt wieder merkelisiert. Das politische Erschrecken findet außerhalb der deutschen Grenzen statt - in den USA und Großbritannien, in der Türkei, Polen und Russland.

Das macht innenpolitisch offenbar Angst vor Veränderung, auch wenn ein bisschen Modernisierung Deutschland in vielen Punkten ganz gut tun würde. Die Deutschen sehen offenbar keinen Anlass, etwas zu verändern. Am liebsten einfach weiter so mit der großen Koalition, die leistet ja gute Arbeit. Wahrscheinlich wird es auch so kommen und politisch spannend wird es in Deutschland erst wieder, wenn die Nach-Merkel-Ära beginnt.