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Explosionskatastrophe, Wirtschaftskrise, Corona-Pandemie, Proteste - die Krise des Libanon droht sich immer noch weiter zu vertiefen. Jetzt kommt der Bundesaußenminister. Ein gutes Signal, sagt Expertin Bente Scheller. Doch sie warnt vor zu hohen Erwartungen.

Für einen Tag ist Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) nach Beirut gereist - ein Tag, der im besten Fall ein wenig zum Guten ändert, möglicherweise aber nur einer von vielen Tagen ist, die am Ende kaum etwas bewirken.

Es ist ein apokalyptisches Bild, das sich Maas bietet. "Es ist doch noch einmal etwas anderes, das mit eigenen Augen zu sehen", sagte der SPD-Politiker. "Das Maß an Verwüstung und an Zerstörung ist für Menschen, die in Deutschland leben, nahezu unvorstellbar."

Maas hat aber nicht nur Hilfsversprechen im Gepäck - sondern vor allem auch Mahnungen an die Regierungen - vor allem was die Verwendung des deutschen Geldes angeht. Hier sein Statement kurz nach der Landung:

Treffen mit Präsident und deutschen Helfern

Maas wollte in Beirut mit Präsident Michel Aoun, Vertretern verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und mit Hilfsorganisationen sprechen. Die Regierung kann er nicht treffen: Sie ist am Wochenende nach gewaltsamen Protesten zurückgetreten. Deutschland hatte derweil 20 Millionen Euro für die Bewältigung der Folgen der Katastrophe zugesagt.

Und natürlich trifft Maas auch die deutschen Helfer - sowie die Kolleginnen und Kollegen einer deutschen Diplomatin, die bei der Explosion ums Leben gekommen ist.

"Viele fordern: Gebt dem Staat kein Geld!"

Internationale Hilfe sei angesichts der Not wichtig und Besuche wie die Reise von Maas eine "gute Geste", sagt Bente Scheller, langjährige Chefin der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut.

"Von außen aber lässt sich nicht in die Strukturen eingreifen, die das Land blockieren", sagt Scheller. Schon beim Besuch von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hätten viele Libanesen gefordert: Gebt dem Staat kein Geld. "Die Bevölkerung fürchtet, dass die Hilfen bei der politischen Elite hängen bleiben, die diese Krise mit herbeigeführt hat", sagte Scheller.

Bislang räumen nur die Bürger auf

Obwohl schnelles Handeln nötig wäre, um nach dem Explosionsunglück mit fast 170 Toten und tausenden Verletzten weitere Krisen zu verhindern, sei bisher "überhaupt nichts passiert", hat Scheller beobachtet. "Es gibt zum Beispiel noch kein Angebot an die 300.000 Menschen, die ihre Wohnungen verloren haben." Wegen der Zerstörung des Beiruter Hafens mitsamt des größten Getreidespeichers des Landes könnten zudem die Nahrungsmittel bald knapp werden.

 "Bei den Aufräumarbeiten waren bisher eher Bürger am Werk, kaum staatliche Kräfte", so Scheller weiter. Das Proporz-System, das nach dem Bürgerkrieg alle Konfessionen an der Macht beteiligen sollte, sorge mittlerweile dafür, dass "die Verantwortlichen selbst jetzt noch zuallererst ihre eigene Klientel im Auge haben".

An Veränderung durch Neuwahlen würden viele Libanesen trotz des Rücktritts der Regierung am Montag nicht glauben. "Das Wahlsystem ist so intransparent, dass viele nicht nachvollziehen können, was mit ihrer Stimme passiert", sagte Scheller. Sie fürchtet: "Hier überlagern sich mehrere Krisen, so dass für viele der Druck steigt, andernorts eine Zukunft zu suchen."

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