STAND
ONLINEFASSUNG

Dr. Sarah Fischer und Dr. Daniel Englisch arbeiten als Ärzte auf Intensivstationen - sie im Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus in Speyer, er im Klinikum Ludwigsburg. Sie berichten von ihrem Kampf gegen das Virus und der ständigen Arbeit am Limit.

Kliniken weiterhin im Notprogramm

Daniel Englisch: "Mehr Menschen erkranken, also sterben auch mehr. Das ist die logische Folge. Die Krankheit ist nach wie vor gefährlich. Die Krankenhäuser arbeiten nach wie vor am Anschlag. Ich glaube es wichtig, durchzuhalten und auch die Schutzmaßnahmen fortzuführen."

Zweite Woche 2021: Covid19 und die Folgen

Sarah Fischer: "Wenn Sie invasiv über einen Tubus beatmet waren, haben Sie meist einen längeren Weg vor sich: eine lange Entwöhnungsphase vom Beatmungsgerät oder auch das Schlucken und Bewegen wieder neu lernen. Das dauert einige Wochen, zum Teil sogar Monate."

Die erste Woche 2021: Hilfe für Patienten und Angehörige

Sarah Fischer: "Die Patienten zu versorgen, hat Vorrang davor, die Angehörigen zu informieren. Trotzdem versuchen wir, täglich Kontakt zu den Familien zu halten. Das geht aber leider nicht immer. Die meisten Angehörigen haben trotzdem Verständnis. Davon sind wir selbst positiv überrascht."

Neues Jahr, viele Impfungen

Daniel Englisch: "Es ist menschlich verständlich, dass Menschen erst einmal schauen wollen, wie andere die Impfung vertragen. Und es ist alternativlos, sich impfen zu lassen, wenn man in einem Hochrisikobereich wie einer Covid-Station arbeitet. Es sind viele bei uns, die schon geimpft sind oder sich einen Termin geholt haben. Bislang haben wir wenig von Skepsis oder Bedenken mitbekommen. Die Mitarbeiter sind der Impfung positiv zugewandt."

Vor Silvester: Hoffnung auf Atempause

Sarah Fischer: "Die Corona-Infektionszahlen steigen weiter. Täglich müssen Patienten auf die Normalstation oder in andere Häuser verlegt werden, um Betten für neue Patienten frei zu bekommen. Wir hoffen, dass es sich auswirkt, dass es dieses Jahr an Silvester weder Feuerwerk noch große Feiern mit Alkohol gibt, das könnte uns entlasten. Allerdings machen sich solche Maßnahmen erst mit Verzögerung bemerkbar. Wir hoffen auch, dass bis nach Silvester die Lockdown-Regeln greifen."

Daniel Englisch: "Ich glaube, dass uns die Corona-Krise mit Dauerstress im Krankenhaus bis Ende März beschäftigen wird. Ein Patient, der jetzt ins Haus kommt, ist vier bis sechs Wochen hier, und es werden noch weitere Patienten kommen. Je nach Impffreudigkeit der Bevölkerung hoffe ich persönlich, dass der Sommer ein bisschen entspannter verläuft. Ich glaube, dass zum Herbst hin wieder ein Anstieg der Fallzahlen zu verzeichnen ist."

Zwischen den Jahren: Rekord-Todeszahlen, aber keiner will aufgeben

Sarah Fischer: "Trotz des Dauerstresses ist das Arbeitsklima gut. Wir helfen uns gegenseitig. Die Klinikleitung hat ein offenes Ohr für uns, wir fühlen uns gut unterstützt. Glücklicherweise hat noch keiner von uns daran gedacht, aufzugeben."

Daniel Englisch: "Erschreckend, die neuen Rekord-Todeszahlen. Sie spiegeln sicherlich den Anstieg wider, den wir vor zweieinhalb, drei Wochen registriert haben. Wir gucken von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde, wie wir Platz schaffen für die neuen Fälle. Trotz Lockdown. Dass es Menschen gibt, die verbreiten, unsere Intensivstation sei menschenleer und behaupten, Corona sei Betrug, macht mich wütend. Andererseits denke ich, lass sie reden, wenn sie Wahrheiten leugnen, wir brauchen unsere Kraft anderswo. Ich sehe, was ich sehe."

Nach Weihnachten: Erschöpfung

Sarah Fischer: "Die Erschöpfung beim Personal ist wesentlich größer, als in der ersten Welle, denn es sind deutlich mehr Patienten zu intubieren und zu beatmen, was die Pflege aufwendiger macht. Auch die Schutzkleidung trägt dazu bei, dass man sich körperlich schneller erschöpft fühlt. Unsere Hoffnung beruht natürlich auf dem Impfstoff. Wir rechnen aber auch damit, dass es noch einige Monate dauern wird, bis man die Auswirkungen merkt."

Daniel Englisch: "Wir haben damit gerechnet, dass wir nach Weihnachten mehr Patienten haben, weil viele miteinander gefeiert haben. Das ist nachvollziehbar, der Mensch ist ein soziales Wesen. Dennoch: In diesen Zeiten kann jeder Kontakt potentiell tödlich sein."

An Weihnachten: Sterbende Menschen

Sarah Fischer: "Die Lage auf der Intensivstation ist dieser Tage alles andere als ruhig und besinnlich. Täglich gibt es Corona-Zugänge. Die Patienten durften über Weihnachten telefonieren und auch skypen, so waren Videochats mit den Angehörigen zu Hause möglich. Solche Kontakte tragen wesentlich zur Genesung bei."

Daniel Englisch: "Es arbeiten alle am Limit. Letztendlich laufen wir einen Marathon in Sprint-Geschwindigkeit. Das geht an die Substanz. Man versucht, es ein Stück weit auszublenden, wie viele Leute sterben. Verdrängen tut man es auch deshalb, weil diese Menschen alleine gestorben sind, ohne ihre Angehörigen noch einmal gesehen zu haben, es besteht ja Besuchsverbot. Das nagt."

STAND
ONLINEFASSUNG