Bundeskanzler Olaf Scholz (2.vr, SPD) wird vor der Großen Halle des Volkes von Li Keqiang (r), Ministerpräsident der Volksrepublik China, begrüßt. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/dpa-POOL | Kay Nietfeld)

Kritik an China-Reise des Bundeskanzlers

Meinung: Moralapostel hungern früher

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Martin Rupps
Martin Rupps (Foto: SWR, SWR/Kristina Schäfer)

Chefs großer deutscher Unternehmen waren für den Bundeskanzler in China wichtiger als Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron, meint Martin Rupps. Wohlstand ist eine ökonomische, keine moralische Angelegenheit.

Die Gäste bei "Anne Will" haben heftig darüber gestritten, ob Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) vergangene Woche nach China reisen durfte - allein, unbegleitet von einem anderen europäischen Staatschef. Je ernster die wirtschaftliche Lage in Deutschland wird, desto moralischer und vernunftärmer, so mein Eindruck, gerät die politische Debatte.

Martin Rupps (Foto: SWR, SWR/Kristina Schäfer)
Die Meinung von Martin Rupps SWR/Kristina Schäfer

Dass ein deutscher Bundeskanzler zu einem chinesischen Staats- und Parteichef fahren soll, steht für mich außer Frage. Seine Entscheidung folgte der bewährten Maxime des früheren Außenministers Hans-Dietrich Genscher (FDP), wonach Regierungen immer das Gespräch suchen müssen – und in Krisen besonders. Auf diese Maxime berief sich auch Scholz' Amtsvorgängerin Angela Merkel (CDU) vor Treffen mit Wladimir Putin. Sie war, glaube ich, nicht blauäugig, sondern diplomatisch.

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Persönliche Treffen besonders in Krisen

Ich finde, Chefs großer Unternehmen im Begleitkommando von Olaf Scholz sind wichtiger als der französische Präsident Emmanuel Macron. Falls es im kommenden Jahr zu einer europäischen oder weltweiten Rezession kommt, braucht die deutsche Wirtschaft mehr denn je Milliarden aus China. Im Gegenzug nimmt die Bundesregierung selbstverständlich hin, dass sich chinesische Konzerne in deutsche Infrastruktur einkaufen. Heißt: in deutsche Patente, Flughäfen, Seehäfen.

Wer jetzt eine möglichst große wirtschaftliche Unabhängigkeit von China fordert, opfert ein Erfolgsmodell. Und vergisst, dass Wohlstand eine ökonomische, keine moralische Angelegenheit ist.

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