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Zur neuen Normalität in Deutschland gehört, dass Krawalle wie in Stuttgart jederzeit an jedem Ort auch ohne Anlass möglich sind.

Neue Normalität. Diese Wortschöpfung, die Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) so gern in den Mund nimmt, kommt mir in den Sinn, wenn ich Bilder der Stuttgarter Krawallnacht sehe. Jens Spahn meint damit die Corona-Krise. In Stuttgart steht die "neue Normalität" für eine neue Art von Eskalation, wie sie in jeder Stadt in Deutschland möglich ist. Jede Nacht. Ohne besonderen Grund. Es muss nicht mal ein politischer sein.

Die Krawallnacht in Stuttgart steht für eine neue Normalität von Akteuren und Motiven (Foto: 7Aktuell.de)
Die Krawallnacht in Stuttgart steht für eine neue Normalität von Akteuren und Motiven 7Aktuell.de

Natürlich, die Vorgänge von Samstagnacht gehören genau analysiert und überführte Täter bestraft. Aber es ist gerade die Beliebigkeit von Ort und Zeit, Akteuren und Zündfunken, die das Phänomen so schwer begreiflich und noch schwerer bekämpfbar macht. Gängige Methoden der Verbrechensverhütung bzw. -bekämpfung versagen. Zurück bleibt der Eindruck: In Nächten wie diesen wird ein Teil der Stadt zum rechtsfreien Raum.

Die neue Gewaltbereitschaft geht auf vieljährige technische und gesellschaftliche Entwicklungen zurück – etwa die sozialen Medien als Bühne der Stuttgarter Steinewerfer. Gleichgesinnte hielten alles schön als Video fest und posteten es sogleich. Derlei Entwicklungen lassen sich nicht mehr zurückdrehen und vom Gesetzgeber im Nachhinein schwer beschränken.

Polizei und Justiz werden diese neue Gewaltbereitschaft eindämmen, aber nicht mehr aus der Welt schaffen können. Deutschland steht auch in dieser schlimmen Hinsicht anderen demokratischen Staaten in nichts mehr nach. Ich will unser System keineswegs schlechtreden. Ich bin jeden Tag dankbar dafür, in diesem Land leben zu dürfen. Aber so heil wie vor zehn oder zwanzig Jahren ist es nicht mehr.

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