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Am 15. März vor zehn Jahren begann der syrische Aufstand und wurde zu einem der schlimmsten Konflikte dieses Jahrhunderts: nahezu 400.000 Tote, mehr als 12 Millionen Flüchtlinge. Das macht einen zynisch, kommentiert Esther Saoub.

Seit zehn Jahren herrscht Krieg in Syrien, und seit zehn Jahren berichte ich darüber. Irgendwann auf der Hälfte hat mich mal jemand gefragt, warum ich nicht langsam zynisch werde angesichts eines Landes, dessen halbe Bevölkerung inzwischen kein Zuhause mehr hat.

Damals habe ich geantwortet, dass sich die Menschen in Syrien Zynismus nicht leisten können. Aber heute, nach zehn Jahren, entschuldige ich mich bei allen Syrerinnen und Syrern und werde zynisch. Syrien - von der Wiege der Kulturen zum Massengrab, so lautet meine Überschrift.

Die Rollen der Weltgemeinschaft

Am Rande dieses Massengrabs steht die Weltgemeinschaft: Auf der einen Seite wir, der sogenannte Westen, der kurzzeitig seine Grenzen offen hielt, um sie dann umso schärfer zu verteidigen. Außer Betroffenheit haben wir wenig beizutragen.

Auf der anderen Seite des Grabes stehen Russland und Iran - unverbesserliche Unterstützer eines Präsidenten, der diesen Namen längst nicht mehr verdient hat. Und am Kopfende steht die Türkei, die das Erbe verteilt, bevor das Grab geschlossen ist.

Zählt man die Syrer, die im Norden unter türkischer Kontrolle leben, mit den Flüchtlingen in der Türkei zusammen, hat Präsident Erdogan inzwischen mehr syrische Untertanen als Präsident Assad. Der lässt derweil seine eigene Bevölkerung hungern in einem Land, das sich früher komplett selbst ernährt und noch Lebensmittel exportiert hat.

"Es bleibt nur eine vage Hoffnung"

Wenn ich an Syrien denke, bleibt mir nur eine vage Hoffnung: nämlich die wunderbaren Menschen, die dieses Land einmal ausgemacht haben und von denen manche, heimwehgeplagt, zuweilen auf unserem Sofa sitzen. Wenn irgendwann die Waffen schweigen, werden sie vielleicht zurückkehren und auf das Massengrab eine Wiege stellen - für einen syrischen Neuanfang.

Esther Saoub war 2011 Nahost-Korrespondentin der ARD und ist auch familiär mit dem Land verbunden.

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