Kleine bläulich-leuchtende Gasflammen im Dunkeln, die wie Wellen wirken.  (Foto: Unsplash by Peter Fly)

"Wir sind brutal abhängig von Putins Energielieferungen"

Kommentar: Erst kommt das Heizen, dann die Moral

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Werner Eckert

Deutschland überlegt, was man tun könnte, um Putins Kriegskasse nicht weiter zu füllen. Einen Energieimport-Stopp kann man wollen - aber realistisch ist er nicht, meint SWR-Umweltredakteur Werner Eckert.

Zuerst kommt das Heizen, dann kommt die Moral. So könnte Brechts Dreigroschenoper - aktuell variiert - klingen. Denn wir sind abhängig von Russland, wenn es um Energie geht. Und zwar umfassend. Bei Gas zu 55 Prozent, bei Steinkohle fast genauso und bei Erdöl nicht viel geringer. Und nicht nur wir, Deutschland, sondern auch das große Wir: die EU. Wenn auch nicht ganz so brutal. Und es hilft wenig, wenn wir selbstbewusst feststellen können: Wir kämen auch ohne diese Importe über die nächsten Monate. Und wir könnten auch in zwei, drei Jahren mit einer radikalen Energiewende weniger erpressbar sein.

Ein Blick auf die Tankstellenschilder genügt

Das ist rechnerisch richtig, aber dann doch doppelt falsch. Zum einen, weil nicht nur die schiere Versorgung wichtig ist, sondern eben auch der Preis. Schauen Sie gerade mal auf die Tankstellenschilder! Und dann, weil es nichts nutzt, nur über den Sommer zu kommen. Der nächste Winter ist das Problem. Denn bis dahin ist die Zeit zu kurz, um wirklich grundlegende Dinge zu ändern. Und dann wird es vor allem beim Gas kritisch. Jeder zweite Haushalt heizt damit und die Industrie braucht es als Rohstoff.

Werner Eckert (Foto: SWR)
Werner Eckert, Leiter SWR-Redaktion Umwelt und Ernährung

Andere Energielieferanten am Limit - Häfen ausgelastet

Die Alternativen sind da sehr beschränkt. Die Niederlande und Norwegen als unsere weiteren Lieferanten sind am Limit, wenig freie Kapazität auf den mageren anderen Pipelines aus anderen Richtungen und auch bei Flüssig-Erdgas begrenzte technische Möglichkeiten. Wir brauchen zwar nicht zwingend ein eigenes Entlade-Terminal, aber insgesamt hat die EU eben nur zwei Dutzend davon und die sind weitgehend ausgelastet.

Renaissance der Braunkohle

Als Puffer können die Gaskavernen dienen, wenn, wie das jetzt beabsichtigt ist, gesetzlich erzwungen wird, dass die im Herbst auch tatsächlich gefüllt sein müssen. Längere Laufzeiten für die letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland? Selbst wer dafür ist, muss wohl sagen: Das ist kein Ersatz für eine Gasheizung. Und selbst beim Strom bringt das nicht wirklich Entlastung. Da ist eher zu erwarten, dass ausgerechnet die Braunkohle eine Renaissance erfährt. Schon sind die Preise für CO2-Zertifikate im freien Fall. Die Märkte erwarten das genau so.

Moral-Anfall kommt zu spät

Aber unterm Strich: Das würden harte, kalte und teure Monate im nächsten Winter und wahrscheinlich auch noch die Winter danach. Und da haben wir von der Industrie noch nicht geredet. Die USA haben es da entschieden leichter. Sie haben mehr Energie, als sie selbst verbrauchen. Bei uns kommt der Moral-Anfall ein bisschen spät.

Ein Nein zu Gas erzwingt Ja zu anderen Energiequellen

Wir haben uns brutal abhängig gemacht und das rächt sich jetzt. Wir werden uns das schlicht nicht leisten wollen. Da bin ich mir ziemlich sicher. Deshalb müssen wir aber jetzt wirklich alles tun, um das zu ändern. Selbst wenn das eben nicht im nächsten oder übernächsten Jahr gelingen wird. Erneuerbare Energien, Gebäudedämmung generell: Alles, was uns beim Klimaschutz hilft, hilft auch gegen die Erpressbarkeit durch Putin. Wir wollen dessen Gas nicht, dann werden wir was anderes aber wollen müssen - Windräder zum Beispiel.

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